Am 7. Juli 2026 fand ein „Zoom“- Meeting des „Europe Calling e.V.“. satt, einer NGO mit vielen Mitgliedern aus den Reihen der „Grünen“. Das Thema war ein „Wissenschaftsupdate“ mit Prof. Stefan Rahmstorf hauptsächlich zum Thema „Atlantische Umwälzzirkulation“ (AMOC).
Die Aufzeichnung ist hier zu sehen. Der unvoreingenommene Zuseher mag gespannt gewesen sein, wie der Stand der Wissenschaft zum Thema im Juli 2026 denn nun wirklich ist. Schließlich fand erst kürzlich ein internationaler Workshop von Fachleuten zum Thema statt, ein Ergebnis ist dieses ausführliche Essay in „Science“, wir berichteten. Zusammengefasst: Bei der AMOC ist vieles unsicher, die „Kollaps-Theorien“ sind deutlich weniger wahrscheinlich geworden. Nur eine „Handvoll“ Forscher vertritt sie noch, Rahmstorf ist da mehrfach namentlich erwähnt. Wie würde er selbst also den Stand der Erkenntnis nach all diesen auch neuen Sachverhalten darstellen?
Spoiler: Er referierte, als ob es das alles nicht gäbe, immer strikt auf „AMOC-Kollaps- Kurs“.
Doch der Reihe nach. Nach einer Einleitung zum Thema Erwärmung der letzten 100 Jahre kommt Rahmstorf bei Min. 12:30 zum Kern: AMOC. Nach ihrer allgemeinen Vorstellung erwähnt er bis Min. 25:30 ausführlich den „Cold Blobb“ der Meeresoberflächen- Temperaturen im Nordatlantik als einen nahezu unfehlbaren Hinweis auf erlahmende AMOC. Was sagt der Bericht in „Science“ dazu mit Stand Juni 2026?
„Viele Forscher argumentieren, dass diese Warnungen auf schwachen Füßen stehen. Sie weisen darauf hin, dass die Meeresoberflächentemperaturen stark von der Atmosphäre geprägt sind und die AMOC möglicherweise nicht zuverlässig widerspiegeln.“
Darüber wurde auch hier schon berichtet, zuletzt hier.
Der AMOC-Anwalt also: „Nette Indizienkette, leider ohne realen Beweiswert“
Von diesem fiktiven Zwischenruf lässt sich Rahmstorf nicht beeindrucken, sondern kommt zu den beobachteten Daten der AMOC („Rapid“). Bei Min. 26:50 erklärt er zu einem Bild aus einer Arbeit von 2024 (Volkov et al. 2024) „Der lineare Langzeittrend zeigt eine signifikante Abschwächung um ca. 10% in den letzten 20 Jahren“.

Screenshot Youtube
Der AMOC-Anwalt ruft also folgerichtig die Arbeit in den Zeugenstand, die Rahmstorf für seine Argumentation nutzte. Sie hat eigentlich den Florida-Strom zum Inhalt und die notwendigen Korrekturen der Strömungsmessungen da durch Veränderungen des Erdmagnetfeldes. Die fragliche Abbildung (Fig. 7) zeigt die Auswirkungen auf die AMOC, und zwar mit dieser Fehlerkorrektur (rot) und ohne (blau), sie reduziert den Trend. Darunter steht dieser Satz:
„These findings provide a stronger support for the previously made conclusion that the observed AMOC time series at ~26.5°N showcases an interdecadal variability rather than a long-term decline.”
Aha. „Die Zeugin“ entlastet also die AMOC vom Verdacht Rahmstorfs des “sicheren Langzeittrend abwärts“, statt ihn zu bestätigen, wie der „Vertreter der Anklage“ es sehen wollte und das sehr plakativ schrieb.
Die beobachtete Strömung der letzten 20 Jahre weist definitiv viel Variabilität aber keinen belastbaren Trend auf, das war auch im „Science“ Artikel so gezeigt:

Weiter mit der „Anklage“. Die versucht es nun mit Daten zum Salzgehalt im kritischen Bereich des Nordatlantiks.
Bei Min. 30:00 zeigt er dieses Bild:

Screenshot Youtube
Da ist ebenfalls eine Studie erwähnt, Holliday at al. (2020) Sie beschäftigte sich mit einem „Freshening event“ dort. In Fig.4 sind da Beobachtungen (auch für verschieden Tiefen) angeführt, in Fig.6 die räumliche Auflösung gezeigt. Es ist die aus dem Vortrag. Daher sei die Arbeit nun ebenfalls in den Zeugenstand gerufen.
Was steht da gleich in den Abstracts?
„We show that the eastern subpolar North Atlantic underwent extreme freshening during 2012 to 2016, with a magnitude never seen before in 120 years of measurements. The cause was unusual winter wind patterns driving major changes in ocean circulation ,…”
Es war die Atmosphäre, nicht vorrangig die Wasserströmung der AMOC von weit her, die zu dem „Event“ nach 2012 führte. Ein „Event“ hat einen Anfang und ein Ende. Rahmstorf trägt zu dem Bild „Lowest salinity in 120 years of data“ vor bei Min 31:55: „Tatsächlich ist JETZT da der niedrigste Salzgehalt seit 120 Jahren.“
Ein Blick auf die Originaldaten des Salzgehaltes da bis 2025:

Quelle: Climate Explorer
zeigt auch den „Event“ 2012-2018, so von der Zeugin beschrieben. „Jetzt“ (2025) ist der Salzgehalt jedoch wieder auf Werte angestiegen wie schon um 1950 beobachtet.
Der Zeuge ist entlassen und hat die AMOC vom Verdacht entlastet. Die Anklage hat einen „Event“ mit einem stetigen Trend „verwechselt“ (?).
Im letzten Screenshot ist noch eine weitere Studie namentlich erwähnt, Chafik et al (2022).
Der Ankläger der AMOC, Stefan Rahmstorf benutzt sie auch als vermeintlichen Kronzeugen FÜR einen realen fallenden Langzeittrend (grün, unten im rechten Bild des Screenshots). Daher wird nun auch diese Zeugin befragt.
Was findet sie?
„ …we conclude that no consensus is yet reached regarding basin-wide North Atlantic slowdown of the overturning circulation. Finally, our finding that, on decadal timescales, cold dense upper ocean is associated with strong subpolar AMOC indeed challenges the common paradigm from modern and paleo studies that cold sea-surface temperatures in the North Atlantic are associated with a weakening overturning.“
Darüber besteht keinesfalls Einigkeit, im Gegenteil! Sie fordert die „Kalte Fleck“ -Theorie heraus, nämlich dass er tatsächlich ein Hinweis auf „erlahmende AMOC“ wäre. Vielmehr sei er ein Ausdruck einer intakten Strömung. Das Gegenteil war jedoch Gegenstand einer recht weitschweifigen Erklärung der „AMOC-Anklage“ zu Beginn.
Die ist nun auch noch erschüttert, vom eigenen Zeugen!
Es geht dann in die Zukunft bei “Zoom”. Da werden vom Ankläger Modelle bemüht, die einen nahen Kipppunkt (AMOC-Kollaps mit “no return”) sehen, sie stammen von der “Handvoll Forscher”, die das so sehen, wie “Science” es formulierte. Eine ganz neue Studie (Mehling et al. 2026) vom Juni des Jahres von Autoren, nicht zum “exklusiven Kreis gehörig, sieht es (natürlich) nicht so. Da ist überhaupt kein “Kippen”, kein Kollaps. Selbst unter dem für die reale Welt “unplausibel starken Erwärmungsszenario” sieht das Modell zwar eine Reduktion, bis 2300 (!), jedoch kein Versagen der Strömung.
Die weitere „Verhandlung“ kann man sich getrost ersparen. Da wurden mehrere „Zeuginnen“ (Studien) vom Chefankläger Rahmstorf aufgerufen, die bei näherer Anhörung keine seiner Theorien bestätigten, ihnen gar widersprachen.
Jedes faire Gericht würde die AMOC von „Abwärtstrends“ und „Kollaps“- Konstruktionen freisprechen aus Mangel an jedem Beweis. Rahmstorf versuchte es zwar in der Folge mit drastischen Cartoons für die Galerie wie diesem:

Screenshot Youtube
das konnte einen mit der Materie auch nur oberflächlich Vertrauten jedoch nicht imponieren. Die Zuseher des Zoom-Meetings am 7. Juli waren das nicht unbedingt, da wimmelte es von solchen Kommentaren:
„Vielen herzlichen Dank, lieber Herr Professor Rahmstorf! Ihre Arbeit ist eine so wichtige Informationsquelle für uns, die wir für die Zukunft der künftigen Generationen kämpfen! Danke, dass Sie nicht aufgeben!“
Zu Stefan Rahmstorf scheint eher kein wissenschaftlich aufgeklärtes und entsprechend kritisches Publikum zu passen, eher solche politischen Schwärmer “für die Zukunft”. Sie haben wohl keine der von Rahmstorf bemühten Studien je gelesen, sonst hätten sie die offensichtlichen Widersprüche zwischen eigentlicher Aussage der Arbeiten und der “Auslegung” von Rahmstorf bemerkt.
Sie verstehen den völlig folgerichtigen wissenschaftlichen „Freispruch“ der AMOC vor einem fiktiven Gericht am Ende auch mit Sicherheit nicht. Claqueure halt.