Die AMOC und „eine Hand voll Forscher“ 

Von Frank Bosse

In den letzten Wochen lief die „Alarm“-Maschine mal wieder heiß. Wo man hinblickte, sprangen einem fette Überschriften entgegen: „AMOC könnte Nordsee um einen halben Meter anheben“ titelte der „Focus“, der Deutschlandfunk erwähnt immerhin Unsicherheiten in der Bewertung der Zukunft und stellt auch heraus, dass sich da zwei Lager von Forschern gegenüberstehen, die die Risiken eines Versiegens der Meeresströmung im Atlantik recht unterschiedlich sehen:  

„In der Fachwelt stehen sich zwei Lager gegenüber. Die eine Seite, zu der van Westen und Rahmstorf gehören, sieht in den Beobachtungen bereits klare Anzeichen einer Destabilisierung.  
Die andere, vertreten unter anderem durch Lohmann, hält die Datenlage für nicht ausreichend.“ 

Wie ist das zu bewerten? Auch wir hatten stets betont, dass die „Katastrophenmalereien“ in Wahrheit auf sehr schwankendem Grund stehen, zuletzt hier.  

Die „zwei Lager“ klingen ein wenig wie „unentschieden“ und man könnte auf den Gedanken kommen, die lauten Headlines folgen dem Prinzip „better safe than sorry“.  

So ist es jedoch nicht, das findet ein sehr ausführlicher aktueller Artikel im Journal „Science“.  

Hier werden die Argumente genau beleuchtet und gegenübergestellt. Das Resümee zuerst:  

„Die AMOC soll in früheren Warmphasen abrupt zusammengebrochen sein, und eine Handvoll Forscher argumentiert nun, dass ein solcher Kipppunkt in diesem Jahrhundert eintreten könnte.“ 

Die „Kollaps-Jünger“, so „Science“ sind eine kleine, aber laute Minderheit in der Gemeinde der Sachkundigen zum Thema. Eine interessante Aussage! Die große Mehrheit geht von einer gegen Erwärmung deutlich widerstandsfähigeren AMOC aus. Da werden die tatsächlichen Beobachtungen als Kronzeugen aufgerufen und höher aufgelöste spezielle Modelle, die da nicht „Die Strömung“ zeigen, sondern viele kleinere, das macht das Gesamtsystem resilienter.  
Auch neue Paleoklima- Rekonstruktionen geben in Warmzeiten wie jetzt keinen Hinweis auf Versiegen.  

Die „Rahmstorf- Fraktion“ bekommt also kräftigen Gegenwind. Der Artikel stellt fest, dass die viele „Indizien“ sammelt, alle nur in eine Richtung: Kollaps!  
Auch die „sagenumwobene Cold Blob Erzählung“ (ein kleines Meeresgebiet im Nordatlantik, das sich praktisch nicht erwärmt im Gegensatz zum Rest dieses Ozeans) als schier „untrügliches Zeichen“ einer AMOC-Schwächung bekommt sein Fett weg:  

„Viele Forscher argumentieren, dass diese Warnungen auf schwachen Füßen stehen. Sie weisen darauf hin, dass die Meeresoberflächentemperaturen stark von der Atmosphäre geprägt sind und die AMOC möglicherweise nicht zuverlässig widerspiegeln.“  

Darauf hatten auch wir wiederholt aufmerksam gemacht, zuletzt hier.  

Die aktuelle Schlagzeile im „Merkur“ ist also auch nicht auf dem Stand realer Forschung; „Forscher lösen Rätsel um das Kälteloch“.  

Die „Lösung“ ist laut „Science“ keine, sondern nur Teil einer gesuchten Indizienkette.  

„Was ist los?“ fragt sich der neutrale Wissenschaftsbeobachter. Jeder einzelne Wissenschaftler sollte doch auch nach den Prinzipien da handeln: Ergebnisoffene Forschung! Dazu gehört es, eigene Hypothesen stets kritisch zu prüfen.  

Offensichtlich gilt das für die „Handvoll- Fraktion“ um Stefan Rahmstorf nicht.  
In der öffentlichen Wahrnehmung ist das bisher nicht angekommen. Da wird nur immer die Indizienkette für einen möglichen Kollaps der AMOC abgebildet, in Wahrheit eine Minderheitenmeinung. Das Vorgehen ähnelt ein wenig dem von Erich v. Däniken in den 70er und 80er Jahren. Er hatte auch eine Hypothese („Die irdische Zivilisation wurde von Aliens gebracht“) und er sammelte ebenfalls nur alle möglichen Hinweise, die dafürsprachen. Es war allerdings nie Wissenschaft, damals schienen die Mechanismen der Selbstkontrolle da noch zu funktionieren. 

Was wir heute in den Medien zum Thema lesen, scheint dagegen davon zu zeugen, dass es nicht mehr so ist.  

Da entstehen dann schon mal Posts auf X, wie der hier von Karl Lauterbach (ehemaliger Gesundheitsminister), der nun zum Klimaexperten mutiert ist.
Immerhin fängt er hier anders als in Talkshows nicht jeden Satz mit „also“ an, was in Deutschen ja eine Schlussfolgerung einleitet und daher nicht zu Beginn einer Ausführung stehen sollte.  

Quelle: Screenshot X  

Er steht in totalem Widerspruch zum realen Stand der Forschung, wie dieser im Top-Journal „Science“ ganz aktuell (Stand 11.6.2026) ausführlich referiert wird. Die Pointe im letzten Satz („Schwurbeln“ als Vorwurf gegen andere, die wissenschaftlich auch viel stärker untermauerte Aspekte betonen) wirft ein bezeichnendes Licht auf die sinnfreie Nutzung dieser Vokabel vor allem während der Covid-19 Pandemie 2020-2021! Wohl nur für Lauterbach war die Pandemie übrigens selbst im Dezember 2022 (!) noch nicht vorbei.  

Es ist leider so: Wer sich auf den Stand der realen Forschung bringen will, muss den „Science“ Artikel lesen. Was hier in Deutschland und anderswo von den meisten Medien verbreitet wird, ist „Wissenschaft- Däniken like“! Das schließt sich jedoch zwingend aus.  

Was da in aller Regel zitiert wird, ist die Außenseiter- Meinung zur AMOC einer „Handvoll von Forschern“, ständig auf der Suche nach der Bestätigung nur ihrer eigenen These.   
Weil allein das Wort „Kollaps“ auch so gut klickt.  

Da arbeitet wohl leider auch eine Medienmaschine an den Mythen mit. So gesehen ist der Aufsatz in „Science“ eine dringend notwendige Kurskorrektur nicht nur die AMOC selbst betreffend, sondern viele Gebiete der Klimawissenschaft ebenso. Sie wird medial leider auch so dargestellt: „Immer auf der Suche nach dem Kollaps“.  

Dabei sind es in Wahrheit nur „eine Handvoll“ von Forschern, die dem „Vorbild“ von Erich von Däniken nacheifern.  In Deutschland scheinen sie wie Stefan Rahmstorf ihre Heimat vor allem beim „Potsdam Institut für Klimafolgenforschung“ (PIK) zu haben.    

Teilen: