Quelle: Phys.org, https://phys.org/news/2026-10-snowfall-clouds-east-antarctic-ice.html, Autor: Institute for Basic Science (IBS), veröffentlicht am 30. Oktober 2026.
Eine neue Klimamodellstudie deutet darauf hin, dass der ostantarktische Eisschild gegenüber einer langfristigen globalen Erwärmung wesentlich widerstandsfähiger sein könnte als bisher angenommen. Selbst unter extrem hohen CO₂-Konzentrationen könnten zunehmende Schneefälle, eine stärkere Wolkenbedeckung und Veränderungen der atmosphärischen Zirkulation einen erheblichen Teil des Eisverlustes ausgleichen. Die Ergebnisse wurden am 30. Oktober 2026 in der Fachzeitschrift Nature Climate Change veröffentlicht.
Die Untersuchung stammt von Kyung-Sook Yun und Axel Timmermann vom Center for Climate Physics des Institute for Basic Science (IBS) an der Pusan National University in Südkorea. Die Forscher verwendeten ein gekoppeltes globales Klima-Eisschild-Modell, mit dem sie die Entwicklung der Eisschilde Grönlands und der Antarktis über Zeiträume von jeweils 100.000 Jahren simulierten. Dabei untersuchten sie unterschiedliche CO₂-Konzentrationen bis zum Zwölffachen des vorindustriellen Niveaus.
Ein wesentlicher Unterschied zu früheren Untersuchungen besteht darin, dass sich in diesem Modell die Atmosphäre, die Ozeane und die Eisschilde gegenseitig beeinflussen können. Viele ältere Modellrechnungen verwendeten dagegen vorgegebene klimatische Randbedingungen und konnten wichtige Rückkopplungsprozesse nur eingeschränkt berücksichtigen.
Die Simulationen zeigen deutliche regionale Unterschiede zwischen den großen Eisschilden. Während der westantarktische Eisschild bereits bei einer langfristigen globalen Erwärmung von mehr als etwa 2 °C gegenüber dem vorindustriellen Niveau erhebliche Eismassen verlieren könnte, reagiert die Ostantarktis wesentlich stabiler. Auch Grönland verliert mit zunehmender Erwärmung kontinuierlich Eis. Bei einer Erwärmung um mehr als ungefähr 6 °C verschwindet der grönländische Eisschild in den Modellrechnungen schließlich vollständig.
Der überwiegend auf festem Untergrund ruhende ostantarktische Eisschild bleibt dagegen selbst bei einer globalen Erwärmung von mehr als 10 °C vergleichsweise stabil. Zwar verlieren auch einige Küstenregionen der Ostantarktis Eis, doch das hoch gelegene Landesinnere zeigt ein deutlich anderes Verhalten.
Die Wissenschaftler führen diese überraschende Stabilität insbesondere auf zwei atmosphärische Prozesse zurück.
Erstens nimmt der Schneefall mit steigenden Temperaturen erheblich zu. Wärmere Luft kann mehr Wasserdampf aufnehmen. Gleichzeitig verschieben sich die Westwindzonen der Südhalbkugel weiter in Richtung Antarktis, wodurch zusätzliche Feuchtigkeit auf den Kontinent transportiert wird. Da die Temperaturen im hoch gelegenen Inneren der Ostantarktis selbst unter extremen Erwärmungsbedingungen häufig unter dem Gefrierpunkt bleiben, fällt ein großer Teil dieser zusätzlichen Feuchtigkeit als Schnee. Dadurch erhöht sich die Akkumulation und somit die Masse des Eisschildes.
Im Modell nimmt die Akkumulation in der Ostantarktis pro Grad lokaler Erwärmung um durchschnittlich etwa 11,5 % zu, während die Ablation, also der Eisverlust durch verschiedene Prozesse, nur um rund 8,7 % steigt. In einigen Gebieten führt diese Entwicklung langfristig sogar zu einer Verdickung des Eisschildes um mehrere Hundert Meter.
Zweitens wirkt eine zunehmende Wolkenbedeckung dem Abschmelzen entgegen. Die Simulationen ergeben unter stark erhöhten CO₂-Konzentrationen eine deutliche Zunahme der Bewölkung in den Polarregionen. Dadurch erreicht weniger kurzwellige Sonnenstrahlung die Eisoberfläche. Die geringere Sonneneinstrahlung reduziert die oberflächliche Eisschmelze und trägt zusätzlich zur Stabilisierung bei.
Die Bedeutung dieser beiden Prozesse wird durch ergänzende Modellversuche besonders deutlich. Werden die erwärmungsbedingte Zunahme der Niederschläge und die Verringerung der Sonneneinstrahlung nicht berücksichtigt, verliert der antarktische Eisschild unter den extremsten untersuchten Bedingungen etwa 70 % seines ursprünglichen Eisvolumens. In der vollständig gekoppelten Simulation mit diesen atmosphärischen Rückkopplungen beträgt der Eisverlust dagegen nur ungefähr 20 %.
Dieser erhebliche Unterschied zeigt nach Ansicht der Forscher, dass die langfristige Entwicklung der Eisschilde nicht allein anhand der globalen Temperatur abgeschätzt werden kann. Vielmehr müssen die Wechselwirkungen zwischen Temperatur, Niederschlag, Wolken, atmosphärischer Zirkulation und Ozean berücksichtigt werden.
Allerdings bedeuten die Ergebnisse keineswegs, dass die Antarktis gegenüber der globalen Erwärmung unempfindlich wäre. Besonders die Westantarktis bleibt durch das Eindringen wärmeren Meerwassers unter ihre Schelfeise gefährdet. Ein langfristiger Rückzug großer Eismassen könnte dort erheblich zum globalen Meeresspiegelanstieg beitragen. Auch bestimmte Randgebiete der Ostantarktis verlieren in den Simulationen Eis.
Die Autoren weisen außerdem auf methodische Unsicherheiten hin. Das verwendete Klimamodell besitzt eine vergleichsweise grobe räumliche Auflösung. Kleinräumige Prozesse an Auslassgletschern, unter Schelfeisen und an der Grenze zwischen aufliegendem und schwimmendem Eis werden deshalb nur vereinfacht dargestellt. Insbesondere die Wechselwirkungen zwischen wärmerem Ozeanwasser und den Eisschildrändern müssen in zukünftigen hochauflösenden Simulationen genauer untersucht werden.
Zudem beziehen sich die Ergebnisse auf sehr lange Zeiträume von vielen Jahrtausenden und auf idealisierte Szenarien mit dauerhaft erhöhten CO₂-Konzentrationen. Sie erlauben daher keine unmittelbaren Rückschlüsse auf die Geschwindigkeit des Eisverlustes in den kommenden Jahrzehnten.
Die Studie unterstreicht insgesamt, dass die Klimareaktion der großen polaren Eisschilde wesentlich komplexer ist, als reine Temperaturbetrachtungen vermuten lassen. Während die Erwärmung in Grönland und der Westantarktis langfristig große Eisverluste verursachen kann, könnten verstärkte Schneefälle und eine zunehmende Wolkenbedeckung große Teile des ostantarktischen Eisschildes auch unter extremen Klimabedingungen stabilisieren.
Die Forscher sehen darin einen wichtigen Hinweis darauf, dass zukünftige Abschätzungen des langfristigen Meeresspiegelanstiegs die regional unterschiedlichen atmosphärischen und ozeanischen Rückkopplungen möglichst vollständig berücksichtigen müssen.
Quelle: https://phys.org/news/2026-10-snowfall-clouds-east-antarctic-ice.html