Über die öffentliche Wahrnehmung von Wissenschaft

Von Frank Bosse und Fritz Vahrenholt 

In den vergangenen Tagen war er in aller Munde: Der bevorstehende „Kollaps im Atlantik“. Ausgangspunkt war eine Studie über einen modellierten Abbruch der AMOC (Atlantic Meridional Overturning Circulation) durch einen großen Süsswassereintrag im Nordatlantik. So etwas ist denkbar durch sehr viel Niederschlag oder/und dem Abschmelzen des grönländischen Eisschelfs. Über die Arbeit wurde auch hier berichtet, insbesondere darüber, wie weit ihre Ergebnisse von der realen Welt entfernt sind.   

Andere Plattformen taten dies auch, die Klimareporter stellten die Auswirkungen des „Kippens“ in den Vordergrund, obwohl das Kippen selbst höchst unsicher und spekulativ ist. Die Modellierer mussten nämlich das atlantische System mit Süsswassermengen in den Kollaps treiben, die in Summe über dem Vierfachen des gesamten vorhandenen Volumens des Grönlandeises lag. Die „Klimareporter“ zitieren Stefan Rahmstorf, selbst Autor und Koautor solcher „Kollaps- Studien“, der postwendend den „Kippkurs“ bestätigte:  

„Sie bestätigt anhand von Beobachtungsdaten, dass sich der Atlantik ‚auf Kippkurs‘ befindet, also auf den Kipppunkt zusteuert, so Rahmstorf. „Die Milliarden-Dollar-Frage lautet: Wie weit ist dieser Kipppunkt noch entfernt?“ 

Er veröffentlichte nahezu parallel zur Publizierung der Arbeit eine Besprechung auf dem Wissenschafts-Blog „Real Climate“. Dort wurde der Modellansatz ebenfalls heftig diskutiert, in einem Kommentar nahm sich der Nutzer „Jan Umsonst“ nochmals die Fähigkeit des verwendeten Klimamodells vor, die AMOC überhaupt realistisch abzubilden. Er fand, dass das verwendete CMIP5- Modell dazu nicht in der Lage war, da die Ozeanströmungen mit ihren Verwirbelungen („Eddies“) nur grob „parametriert“ wiedergeben können, also irgendwie „voreingestellt“ werden. Er stellt fest, dass das verwendete veraltete Modell (es ist bereits 2010 entstanden) mit seiner groben Auflösung gar nicht in der Lage ist, den Wärmetransport in den Norden sowie das Meereis physikalisch zu simulieren. 

Die Frage, ob sich die AMOC auf „Kippkurs“ befindet, ist in Wahrheit nicht sicher zu beantworten. Die Arbeit infrage stellt die Betrachtung des Salzgehaltes im Südatlantik, wo der Wärmestrom der AMOC von der Südhalbkugel nach Norden ihren Anfang nimmt, im Verhältnis zu dem des Nordatlantiks in den Fokus. In den Daten seit 1980 findet sich da eine Verstärkung der AMOC ab 1990, um 2005 herum ein Höhepunkt und dann ein Abfall, nach 2012 eine Stabilisierung auf einem Niveau, das noch über dem der 80ern lag. Da ist kein Klimatrend wie man ihn erwartet bei steigender Erwärmung.  

Auch der „Telegraph“ ließ britische Wissenschaftler zu Worte kommen, die den Modellansatz scharf kritisieren, das wurde hier gezeigt.    

Soweit die Tatsachen und ihre wissenschaftliche Diskussion. Es werden Ergebnisse einer wenig belastbaren Studien vorgestellt und diskutiert. Hier hätte die Diskussion freilich idealerweise vor einer Veröffentlichung in „Science“ stehen sollen, den Prozess dafür nennt man Peer Review. Leider versagt der öfters, besonders wenn es „spektakuläre“ Ergebnisse sind, die einzelne Aufsätze versprechen. Auch Wissenschaftsjournale sind leider nicht gegen „Clickbaits“ gefeit.  

Der aufmerksame Leser hatte in den vergangenen Tagen gewiss auch von dieser „bahnbrechenden“ Studie in den Medien gelesen.  

Was da daraus gemacht wird, soll exemplarisch eine, nennen wir es Diskussion in der Talkshow „Maischberger“ vom 13.2.2024 zeigen. Sie ist in der Mediathek abrufbar.  Ab 59:37 Min geht es um den Inhalt des „Science“-Aufsatzes. Hier das Transkript des Wortwechsels zwischen der Journalistin und „Börsenexpertin“ Anja Kohl (AK) und Stefan Aust (SA), dem Herausgeber der „Welt“. Von der Diskussion über Energie in Deutschland geht es in den Atlantik: 
 

AK: Fragen Sie mal die junge Generation. Es gab diese Woche die Studie, dass der Meeresstrom im      Atlantik –kippen—könnte… 

SA: …hm, könnte alles… 

AK: …und das zu verheerenden… 

SA: … gab’s schonmal einen Film darüber in den 90er Jahren…  

AK: … Wollen Sie jetzt Wissenschaft infrage stellen?  

SA: Ja, es stimmt nicht immer alles, was Wissenschaftler sagen. 

AK: Sie wollen —Wissenschaft infrage stellen? Da kann man nicht diskutieren, wenn Sie wissenschaftliche Erkenntnisse infrage stellen.  

Anja Kohl begeht hier den Fehler (übrigens mit fester Überzeugung und Körpersprache dargelegt), dass „die Wissenschaft“ etwas statisches sei und aber auch jede Arbeit mit ihren Ergebnissen unverrückbar ist. Das Gegenteil ist der Fall. Wissenschaft irrt sich empor. Es ist ein Prozess, der Wissen schafft. Etwas, was Anja Kohl so offenbar nicht weiß. Oder auch: Selbstsicheres Auftreten ersetzt Fachkenntnisse.  

Leider findet sich solches Verhalten in Medien nicht selten. Auch sehr umstrittene Studien werden benutzt, um Angst zu machen, da es ja „die junge Generation“ betrifft. Das Motiv dahinter scheint oft weniger die Sorge um die Zukunft, sondern sehr greifbare gegenwärtige gesellschaftspolitische und auch pekuniäre Entwicklungen, die man beeinflussen möchte. In der Talkshow ging es vorher um die Energiewende und deren weitergehende Umsetzung. Dabei wurden Erneuerbare Energien (EE) mal wieder gefeiert als alternativlos. Unter EE verstehen die Protagonisten Windkraft und Photovoltaik (PV), seit vielen Jahren benutzt und ausgebaut.  

Es stimmt, dass deren Anteil wächst. Zwischen 2012 und 2020 ging so der CO2-Gehalt des Strommixes zurück, seitdem stagniert er jedoch:  

Es gelang eine Reduktion nach 2012 um ca. 1/3 bis 2020, dann -so zeigt es die Graphik- setzte ein Stillstand ein. Im Jahr 2022 stieß die Energiewirtschaft im Mittel noch immer 366 g CO2/kWh aus, deutlich über dem von Europa (rot in der Graphik oben), das bei 251 g/kWh liegt, folgt man den Zahlen des statistischen Bundsamtes.  

Die Zahlen und der Verlauf nach 2020 können für Deutschland so nicht ermutigen. Hier zeigt Frankreich (grün in der Graphik) einen Ausweg: mit EE PLUS Kernkraft erreicht das Land 68 g/kWh, nur 19% des deutschen Wertes. CO2 sei jedoch der Schlüssel zur Beherrschung des Klimaproblems, auch um einer „AMOC – Katastrophe“ entgegenzuwirken.  

Das IPCC AR6 WG III empfahl deshalb auch aus sehr gutem Grund die Nutzung mehrerer moderner CO2-Vermeidungstechnologien: EE PLUS Kernkraft PLUS CO2- Abscheidung (CSS).  

In Deutschland “wissen” wir es besser und verteufeln politisch alles außer EE mit wechselnden Argumentationen. EE sind und bleiben jedoch volatil und von geringer Energiedichte, sie können Kernkraft nicht ersetzen und daher wohl auch die Stagnation seit 2020 trotz des massiven Ausbaus mit mehr Windmühlen und mehr Photovoltaik, also mehr vom gleichen. Es wird immer Witterungsphasen geben, in denen das nicht ausreicht – Windkraftwerke können an ca. 120 Tagen/Jahr kaum liefern – und dann ist stattdessen eine Kohlenstoffverbrennung (dabei ist Holz am schlimmsten, wir berichteten schon 2019) unausweichlich, auch mangels nennenswerter Speicher. Diese Technologie des 19. Jahrhunderts führt zwangsläufig zu dem Produkt CO2 und zudem zu einer hohen Belastung der Wirtschaft und der Bürger durch das notwendige Vorhalten von bis zu 100% der genutzten EE an fossiler Redundanzleistung.  
Gas- und Kohlekraftwerke kann man als Lückenfüller zudem nur noch unwirtschaftlich betreiben, sie sind dann hoch subventioniert. Ein glänzendes Beispiel dafür sind die neu geplanten Gaskraftwerke.       

Jeder analytisch, auf dem Boden von Wissenschaft denkende Mensch muss hier Fragen stellen.  

Abert Einstein sagte einmal: „Es ist die Definition von Wahnsinn, immer wieder das gleiche zu tun und einen anderen Ausgang zu erwarten.“  Dann jedoch folgt in vielen Medien leider oft das Beispiel von oben: Mit sehr viel Verve vorgetragene „die Wissenschaft“ als Totschlagargument für wohl ganz andere Ziele.  

Das muss sich ändern, sonst verfehlt Deutschland alle Ziele in der Wirtschaft und auch noch, und das ist die besondere Tragik, beim Klimaschutz selbst. Wir brauchen mehr echt ergebnisoffene, sich empor irrende und weniger gespielte Wissenschaft von in Wahrheit wissenschaftsfernen Journalisten, hier lieferte Anja Kohl wohl nur ein abschreckendes Beispiel für viele solche Fälle. 

So wird Klimaschutz, statt sich den eigentlichen Zielen der wirksamen CO2- Minderung zu nähern, immer mehr zum bloßen Transportvehikel mutmaßlich ganz anderer, sehr gegenwärtiger, sehr handfester wirtschaftlicher und gesellschaftspolitischer Interessen einer Minderheit.     

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