Von Frank Bosse
Das Schmelzgeschehen in der Arktis Tag-genau in der Kern- Schmelzsaison 1.5.-20.9.:

Das Diagramm zeigt die Eisausdehnung des arktischen Eises als Abweichung vom Mittelwert der 2000er Jahre.
Das aktuelle Jahr ist in Rot gekennzeichnet. Auffällig: Die Saison begann am 1.5. mit sehr niedrigen Werten, und endete mit vergleichsweise hohen, jedenfalls über dem Mittelwert der 2010er Jahre, als gestrichelte Linie dargestellt. Die geringste Eisausdehnung wurde im Jahre 2012 festgestellt (violett) das ist nun bereits 14 Jahre her. Seitdem gab es beständig größere Eisausdehnung.
Der September 2026 war dem des Vorjahres (braun) sehr ähnlich. Im Minimum (das war am 13.9.2026) wurden rund 1,42 Mio. km² an Eisausdehnung mehr gemessen als zur gleichen Zeit im Jahre 2012. Selbst das Jahr 2007 lag deutlich (um ca. 300.000 km²) unter dem heurigen Wert. Schaut man auf die Septembermittelwerte wie sie die NSIDC feststellt:

so fällt auf, dass die Messungen seit 2007 (nun schon 20 Jahre) auf der Stelle treten. Sie zeigen, dass wir heute noch genauso weit entfernt sind von “eisfrei” = 1 Mio. Km² wie vor 20 Jahren. Ein klarer Abwärtstrend ist vorher seit Mitte der 90er Jahre zu sehen, davor gab es auch wenig Bewegung. Im Diagramm ist der Sachverhalt durch die Mittelwerte der Perioden gestrichelt dargestellt. Das Ganze ist weit weg von linearem Verhalten! Das wurde jedoch bei allen Vermutungen der Vergangenheit zu baldiger eisfreier Arktis vorausgesetzt. Selbst aktuell gab es noch Berichte (wie diesen) , die so etwas nahelegen:
„In allen Emissionsszenarien wird der Schwellenwert das erste Mal an einem Tag Ende August oder Anfang September zwischen den 2020er und 2030er Jahren unterschritten.“
Man kann sich nur wundern über so steile Thesen aus 2024!
Da wurde in der referierten Studie ein weiteres Mal mit Klimamodellen operiert. Wir hatten erst unlängst berichtet, dass bei allen lokalen Phänomenen wie die AMOC und auch das arktische Meereis große Skepsis gegenüber Modellen angebracht ist.
Ein Blick auf die Verluste der Eisausdehnung in der Tausaison seit 2007:

zeigt, dass das aktuelle Jahr bis zum Minimum gar unterdurchschnittliches Schmelzen seit 2007 zeigte, nur etwa so stark wie das Mittel der 2000er. Alles deutet darauf hin, dass es einen „Regimewechsel“ nach 1997 gab, der bis zum Jahre 2007 vollzogen war. Seitdem sehen wir keinen (signifikanten) Trend mehr. Auch die Dauer der Schmelzsaison (in Tagen vom Maximum im März bis zum Minimum im September) zeigt den nicht:

Es spielt damit das Wetter die dominierende Rolle seit 20 Jahren, offensichtlich mit viel mehr Einfluss als der „anthropogene Antrieb“, der sich im Zeitraum um über 1 W/m² erhöhte.
Das findet auch eine aktuelle Arbeit zum Thema “Dauer der Schmelzsaison”. Die Autoren machen sich (natürlich!) auch Gedanken darüber, woran das liegen mag. Sie schreiben:
„Leading us to ask: has the length of the melt season reached its maximum, or new normal? Or will there be another period of large change with rapid sea ice loss and melt season lengthening? When might this occur and what might trigger it?“
Es ist eine offene Frage in der Forschung. Das hätte vor 15 Jahren noch keiner gedacht, als man munter lineare Trendextrapolationen praktizierte und so Phantasiedaten für „eisfreie Arktis“ „fand“.
Heute ist die zitierte Studie deutlich vorsichtiger und erwähnt „Feedback Loops“. Neben dem Eis-Albedo Feedback (positiv, also verstärkend wirkend) erwähnt sie als negativ („bremsend“) wirkend die Wolkenbedeckung in der sommerlichen Arktis. Der aufmerksame Leser wird sich erinnern, dass wir darüber schon berichtet haben, nämlich den steigenden Trend der arktischen Wolkenbedeckung (im Sommer kühlend) und ein weiteres „negatives Feedback“ in der Literatur fanden: das durch Schmelzwasser:
„Das Abschmelzen des Eises erzeugt eine oft über 80 cm dicke Schicht aus kaltem, salzarmem Süßwasser an der Oberfläche. Da Süßwasser eine geringere Dichte als Salzwasser hat, liegt es wie ein stabiler Deckel auf dem Ozean. Es isoliert das verbleibende Meereis von den wärmeren, salzhaltigen Wasserschichten darunter. Die im Ozean gespeicherte Albedo-Wärme wird dadurch temporär „gefangen“ und erreicht das Eis im Hochsommer nicht.“
Davon war keine Rede in der Arbeit vom März 2026. Beide negativen Feedbacks zusammen kompensieren oder überkompensieren offensichtlich den “anthropogenen Antrieb” seit nun schon 20 Jahren.
Ergebnis: In der soliden Forschung zum Thema gibt es nach wie vor mehr Fragen als Antworten. Vor 11 Jahren versuchte „die Wissenschaft“ noch, es ganz anders zu deuten: „Das arktische Eis erholt sich nicht.“ Real sehen wir jedoch heute mehr Septembereis als damals. Was lehrt das? „Wissenschaft irrt sich empor“, und das ist völlig normal. Nur was dann gewisse Medien draus machen, sollte zu denken geben: Im Dezember 2007 titelte die „Welt“: „Nordpol bereits in 5 Jahren eisfrei.“
Unser Rat: Ja, folgen Sie Wissenschaft. Nur nicht „der“ und nur in einer Beziehung:
Die Wissenschaft von heute ist der Irrtum von morgen.