Von Frank Bosse
Es klang so logisch: Die Arktis erwärmt sich schneller als der Rest des Planeten und so wird das arktische Eis bei fortschreitendem Klimawandel verschwinden, es schmilzt dahin. Das hat globale Folgen, der arktische Ozean wird sich in eisfreien Monaten (August, September) noch mehr erwärmen, ein einziges Klimadilemma mit globalen Folgen. Man stritt sich nur noch um den (nahen) Zeitpunkt. Der Chef des amerikanischen NSIDC (National Snow and Ice Data Center) Mark Serreze gab im Jahre 2011 dem „Guardian“ ein Interview und wagte eine Prognose:
“There will be ups and downs, but we are on track to see an ice-free summer by 2030. It is an overall downward spiral.“
Dabei war er sogar noch vorsichtig: andere sahen zu diesem Zeitpunkt das Sommereis schon bis 2020 dahinschwinden durch die „Todesspirale“. So meldete der „Spiegel“ im Jahre 2009:
„Nordmeer im Sommer in 10 Jahren nahezu eisfrei“
Wie wir wissen, kam es anders, wir berichteten über den September 2026 und im Monatsmittel war sogar etwas mehr Eisausdehnung vorhanden als im „Vorhersagejahr“ Mark Serrezes 2011 (2026: 4,81, 2011: 4,56 Mio. km² nach den Daten des NSIDC). Wie das, wo doch angeblich „die Physik“ so eindeutig war?
Werfen wir also einen Blick auf die Daten ab 1990:

Verzeichnet sind die Daten des NSIDC für die Eisausdehnung (SIE „für Sea Ice Extent“) jeweils für Mai (grün) und September (orange) sowie (gestrichelt) die linearen Trends im Gesamtzeitraum.
Sofort sichtbar: mit dem September-Eis geht es mehr als doppelt so schnell bergab als mit dem Mai-Eis vor der stärksten Sommertau-Phase. Man erkennt es an den Trendsteigungen: 0,03 Mio. km²/Jahr für den Mai, rund 0,08 Mio. km²/Jahr für den September.
Die Abweichungen vom Trend sind im Mai deutlich geringer als im September, da sticht besonders ein Zeitraum von 2005 bis 2015 heraus, in der die Jahreswerte z.T. sehr deutlich unter dem Trend bis 2026 lagen. Wie verhält es sich mit den Trends vom Beginn der Messungen (1979) bis zu Jahren danach?

Hier wird deutlich: Die Mai-Trends blieben über die Jahre nahezu konstant, die des Septembers bei weitem nicht. Hier sahen wir eine Trendbeschleunigung (wachsende negative Trendsteigungen) bis ca. 2012, danach eine Abbremsung und gar Verringerung. Da muss des Rätsels Lösung stecken, die Sommer-Verluste zwischen Mai und September an Eisausdehnung wurden statistisch nicht größer nach 2006.
Ein Blick darauf:

Der Eisverlust wuchs zwischen Mitte der 90er Jahre und ca. 2010 von ca. 6,5 auf ca. 8 Mio. km², dann jedoch nicht weiter.
Man liest zur „Erklärung“ sehr oft: „Die Ausdehnung sagt nichts über die Dicke des Eises und die nimmt immer mehr ab.“
Ein Beispiel dafür liefert ein Artikel von Sinexx:
„Zugleich zeigen Langzeitdaten, wie stark besonders das langlebige, dicke Eis zurückgegangen ist.“
Diese „Leistung“ eines „Wissenschaftsmagazins“ muss nachdenklich machen, denn die Daten des September- Eisvolumens (nach PIOMAS, leider nur bis 2025 durch Mittelkürzungen) erzählen praktisch die gleiche Geschichte wie die Eisaudehnung:

Auch hier gibt es den „Absturz“ zwischen den 90er und 2000er Jahren, danach ebenso wie in der Fläche kaum noch Bewegung nach unten statt Trendverlängerung über 2012 hinaus. „Zunehmend dünneres Eis“ kann also nicht der entscheidende Grund sein für das „Arktis-Rätsel“.
Da wirken andere Faktoren viel mehr. Einer betrifft den sich kaum ändernden Trend der Mai-Eisausdehnung. Es wurde nördlich von 66°N im Frühjahr auch wärmer zwischen 1980 und 2015 laut ERA5-Daten:

(Generiert mit dem KNMI Climate Explorer)
Der Eis-Trend änderte sich nicht. Hier wirkt ein „Feedback“ von dünnerem Eis im September: es wächst schneller als dickeres. Tatsächlich ergibt sich beim Eisvolumen ein hoch signifikanter Trend: je kleiner das Volumen im September, desto mehr Eiswachstum bis zum kommenden Januar. Der Grund: Dickes Eis isoliert sehr gut gegen die arktische Kälte von -22°C im Winter. Der Ozean darunter wärmt und so kann das Eis schwer an Dicke gewinnen. Bei dünnerem, wie seit Mitte der 2000er Jahre, geht das viel besser. Das ist ein Winter-Feedback, das gegen Eisabnahme wirkt. Wie ist die Umkehr der Trendentwicklung um 2012 im September zu erklären? Hier hatten wir bereits im September Spuren gefunden: Gleich zwei Feedbacks halten weiteres Schmelzen auf:
- Das „Schmelzwasserfeedback“. Beim Schmelzen entsteht eine isolierende Wasserschicht, die das weitere Schmelzen durch den warmen Ozean darunter stark bremst.
- Das „Wolkenfeedback“. Mehr offenes Wasser bedeutet mehr Verdunstung und damit auch mehr Wolkenbildung in der Arktis. Die wurde auch nachgewiesen. Damit wird die Strahlungswirkung der Sonne („Eis-Albedo-Feedback“) im Sommer stark reduziert.
So kommt es so, wie die Beobachtungen zeigen: Der Verlust zu Beginn der „Haupt-Schmelzsaison“ im Mai wächst nicht stärker als vor 30 Jahren trotz arktischer Erwärmung und die Schmelze des Sommers begrenzt sich selbst durch Nebenwirkungen und nimmt daher seit nunmehr 20 Jahren (!) nicht zu.
Da hilft es auch nicht viel, wenn „Sinexx“ auf den abnehmenden linearen Langzeittrend verweist:
„Die neue Auswertung für 2026 bestätigt vielmehr den Unterschied zwischen kurzfristigen Wetterschwankungen und dem langfristigen Verlust von Meereis.“
Über 20 Jahre Stagnation ist nicht „Wetter“ und die erläuterten bremsenden Feedbacks sind es ebenfalls nicht!
Nur ist alles viel komplexer mit dem Klima (hier mit dem arktischen Polareis), als man es immer wieder darzustellen versucht. Die Erwärmung ab den 80er Jahren erklärt manches, das meiste jedoch eher unvollständig.