Von Frank Bosse
Die Schmelzsaison bis Ende August lief auch 2026 ab wie schon manch andere. Hier die täglichen Daten zur Abweichung der Eisausdehnung („Extent“) vom Mittelwert der 2000er Jahre:

Verglichen wird mit einigen Vorjahren, dem Mittel der 2000er Jahre (=Abszisse 0) und dem Mittel der 2010er Jahre (fett gestrichelt). Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wird auch das aktuelle Jahr (dick rot) oberhalb des Mittelwertes der 2010er Jahre enden, das Saisonende (=Minimum) ist stets etwa der 11. September. Der Mai begann mit ca. -900.000 km² unter dem 2000er Mittel und der August endet auch etwa da. Der zusätzliche Verlust über den Sommer beträgt nahe null. Das geht nun so seit 2007, das zwanzigste Jahr. Dabei haben wir doch so viel konsumieren müssen von „sich selbst verstärkenden Effekten“. In Folien des „Scientists for Future“- Angehörigen Uwe Scheithauer aus dem Jahre 2020 findet sich diese Abbildung zum arktischen Meereis:

Da ist erklärt (links): Eine initiale Erwärmung bewirkt Eisschmelze, die Fläche wird durch mehr Wasser und weniger helleres Eis dunkler. Dadurch wird noch mehr Wärme aufgenommen und es wird noch wärmer und es schmilzt noch mehr Meereis. Die „verhängnisvolle Eis-Albedo-Rückkopplung“ ist in Gang gesetzt, das führt selbstverstärkend (!) zum Kollaps ohne Rückkehr. Auch die „taz“ erklärte noch so die „grundlegenden Zusammenhänge“ in der Arktis im September 2024:
„Wie Spiegel haben Eisflächen einen höheren Rückstrahleffekt als die dunklere Wasseroberfläche.“ Je kleiner die arktische Meereisbedeckung ist, desto kleiner wird dieser Spiegel, desto mehr Sonnenenergie kann in den arktischen Ozean eindringen, der dadurch immer wärmer wird und weiteres Eis schmelzen lässt – was die Spiegelfläche weiter auftaut. Ein Teufelskreis.“
Das ließ die Zeitung keinen geringeren sagen als den Leiter der Sektion Meereisphysik des Alfred-Wegener- Instituts in Potsdam, Christian Haas.
Was sagen Beobachtungen des Meereises des NSIDC? Die Ausdehnung seit 1990 im September:

Da ist nichts zu sehen von „Kollaps“. Der mittlere September-Extent ging klar zurück von ca. 7 Mio. km² bis Mitte der 90er auf ca. 5 Mio. km² nach 2007, nur blieb er da nun schon 20 Jahre lang. Der letzte signifikante Negativtrend startete im Jahre 2004 bis 2026, später ist da nichts mehr mit „signifikant abwärts“ mit dem Eis. Wo bleibt der „unausweichliche Kollaps“ von „Scientists for Future“ und anderen Protagonisten?
Die dort behauptete übermächtige Rückkopplung findet nur im Sommer statt, die Sonne muss scheinen für einen Albedo (=Rückstrahlvermögen) Effekt. Wie verhalten sich nach den Beobachtungen die Sommerverluste der Jahre?

Hier ist auffällig, dass recht plötzlich nach dem Jahre 2007 ein Mehr an Verlusten von recht genau 1 Mio. km² auftrat, das jedoch in recht engen Grenzen (bis auf 2012: Wetter?) danach gleichblieb. Auch im Jahre 2026 wird der Verlust deutlich kleiner sein als in den Jahree 2007-2012!
Wo und wie genau wirkt dann dieses „Kippelement“? Kann es so dominant sein, wie behauptet?
Hierzu muss man wissen, dass es für „Chaos“ in der Natur stets Gegenspieler geben muss. Sonst wäre das irdische Klimasystem schon lange kollabiert in den Milliarden Jahren seiner Existenz. Das gilt für viele so bezeichnete Kippelemente. Hier beim arktischen Eis sind es zwei nicht minder mächtige Konterparts:
- Ein dämpfend wirkendes „Feedback“ durch Schmelzwasser des Meereises.
Das Abschmelzen des Eises erzeugt eine oft über 80 cm dicke Schicht aus kaltem, salzarmem Süßwasser an der Oberfläche. Da Süßwasser eine geringere Dichte als Salzwasser hat, liegt es wie ein stabiler Deckel auf dem Ozean. Es isoliert das verbleibende Meereis von den wärmeren, salzhaltigen Wasserschichten darunter. Die im Ozean gespeicherte Albedo-Wärme wird dadurch temporär „gefangen“ und erreicht das Eis im Hochsommer nicht. Der Effekt dämpft die verstärkende „Albedo“ Wirkung von +41% um -19%.
- Ein dämpfend wirkendes „Feedback“ durch Wolken.
Während Wolken im kalten, dunklen arktischen Winter wie ein Treibhaus-Isolator wirken und die Oberfläche wärmen (+40 bis +50 W/m²), dreht sich dieser Effekt im Sommer komplett um. Da im Sommer vermehrt freies Wasser verdunstet, steigt die Bewölkung massiv an. Die dichten Wolken reflektieren das kurzwellige Sonnenlicht zurück ins All, bevor es das Eis oder das offene Wasser aufheizen kann. Die „Eis Albedo“ wird weitgehend ausgeschaltet, mangels Sonnenlichts am Boden.
Der Effekt wächst mit weniger werdendem Eis auf dem Ozean an und dämpft den Rest an Wirkung der Albedo.
Beide Effekte sind in der Literatur bekannt. Sobald das arktische Meereis im Sommer so weit zurückgeht, dass die offenen Wasserflächen dominieren, springen die physikalischen Bremsen (Verdunstung → Wolken sowie Schmelzwasser → Schichtung) im Hochsommer proportional stärker an. Das System bremst sich bei einem verbleibenden Sommereis quasi bisher von selbst ab.
So ist der Verlauf der Beobachtungen also sehr eindeutig zu deuten, ohne „Rätsel“ und widerspruchsfrei zu erklären, einschließlich dem „Plateau“ nach 2007 und über 20 Jahren ohne Abwärtstrend des arktischen Meereises. Es ist schlicht Physik!
Haben Sie von diesen Mechanismen noch nie etwas gehört? Das liegt daran, dass Sie zwar vermutlich schon viel über die „Eis-Albedo-Rückkopplung“ erfahren mussten, bisher jedoch noch nichts über die ebenso mächtigen Gegenspieler. Das liegt vor allem daran, dass auch solche Medienartikel mit Begriffen wie „Todesspirale des Arktischen Eises“ immer wieder vermarktet werden und ähnlich wie die Folien von „Scientists for Future“ oben den meist wohlfeilen Horror vor Chaos und Kollaps samt „Kippelementen“ unter das Volk bringen sollen.
Die Realität sieht immer sehr viel komplexer aus, mit dem Unterschied, dass da echte Wissenschaft daran arbeitet und nicht als so getarnte Propaganda selektiv trötet.