Mehr Schnee ließ antarktische Eismasse 2021-2023 vorübergehend wachsen

Quelle: Phys.org – https://phys.org/news/2026-08-antarctica-rebound-climate-variability.html – University of Washington, veröffentlicht am 19. August 2026

Eine ungewöhnliche Entwicklung in der Antarktis hatte in den Jahren 2021 bis 2023 für Aufmerksamkeit gesorgt: Während der antarktische Eisschild über längere Zeiträume betrachtet insgesamt an Masse verliert, nahm die Eismasse in Teilen des Kontinents vorübergehend zu. Ursache war vor allem außergewöhnlich starker Schneefall in der Ostantarktis. Eine jetzt vorgestellte Studie kommt zu dem Schluss, dass diese Entwicklung nicht als Beginn eines neuen langfristigen Trends interpretiert werden sollte. Vielmehr war die ungewöhnlich hohe Niederschlagsmenge nach den Ergebnissen der Untersuchung vor allem auf natürliche Klimaschwankungen zurückzuführen.

Mehr Schnee ließ die Antarktis vorübergehend wachsen

Der antarktische Eisschild verliert seit Jahrzehnten insgesamt Masse. Besonders an den Rändern des Eisschildes geht Eis verloren, unter anderem weil relativ warmes Meerwasser das Eis von unten schmilzt. Gleichzeitig gelangt Eis durch das Abbrechen großer Eisstücke ins Meer. Normalerweise kann der jährliche Schneefall diese Verluste nicht vollständig ausgleichen.

Zwischen 2021 und 2023 trat jedoch eine ungewöhnliche Situation auf. Über Teilen der Antarktis fiel erheblich mehr Schnee als üblich. Besonders betroffen war die Ostantarktis, die rund 80 Prozent des auf Land gebundenen Eises der Erde enthält. Der zusätzliche Schneefall war so groß, dass er den Eisverlust an den Rändern des Eisschildes zeitweise mehr als ausgleichen konnte. Dadurch erschien es, als würde die Antarktis insgesamt wieder an Eismasse gewinnen beziehungsweise als würde sich der langfristige Eisverlust verlangsamen.

Das Phänomen war deshalb wissenschaftlich interessant, weil eine solche Entwicklung grundsätzlich mit einem erwartbaren Effekt der globalen Erwärmung vereinbar wäre: Wärmere Luft kann mehr Wasserdampf aufnehmen. Steigende Temperaturen könnten daher langfristig zu mehr Feuchtigkeit in höheren Breiten und damit auch zu mehr Schneefall in der Antarktis führen. Außerdem können sich bei wärmeren Bedingungen Sturmbahnen stärker in Richtung der Pole verschieben. Zusätzlicher Schneefall könnte dadurch einen Teil des Eisverlustes ausgleichen.

Die Ursache lag in den Tropen

Die neue Untersuchung kommt allerdings zu einem anderen Ergebnis. Die Forscher untersuchten, woher die zusätzliche Feuchtigkeit stammte, die zwischen 2021 und 2023 über die Antarktis gelangte.

Dafür verwendeten sie ein computergestütztes Verfahren, mit dem sich Wassermoleküle beziehungsweise deren Transport durch die Atmosphäre verfolgen lassen. Auf diese Weise konnten die Forscher die ungewöhnlich starken Niederschläge in der Ostantarktis mit einer Erwärmung eines tropischen Meeresgebietes in Verbindung bringen.

Eine entscheidende Rolle spielte dabei der sogenannte tropische Warmwasserpool. Dabei handelt es sich um ein großflächiges Gebiet besonders warmen Meerwassers im westlichen Pazifik und östlichen Indischen Ozean. Dieses Gebiet hat einen überproportional großen Einfluss auf die atmosphärische Zirkulation und kann damit auch Wetterextreme in weit entfernten Regionen beeinflussen.

Zwischen 2021 und 2023 lagen die Wassertemperaturen in diesem tropischen Warmwassergebiet deutlich über dem Durchschnitt. Die dadurch veränderte atmosphärische Zirkulation transportierte zusätzliche Feuchtigkeit in Richtung Antarktis. Dort führte die zusätzliche Feuchtigkeit zu einem außergewöhnlich hohen Schneefall, insbesondere über Teilen der Ostantarktis.

Kein Hinweis auf einen dauerhaften Wendepunkt

Besonders wichtig ist der historische Vergleich. Nach Angaben der Forscher ist es keineswegs ungewöhnlich, dass sich der tropische Warmwasserpool über mehrere Jahre hinweg erwärmt. Solche mehrjährigen Warmphasen treten demnach ungefähr alle paar Jahrzehnte auf. Anschließend gehen die Temperaturen wieder auf ein durchschnittliches Niveau zurück.

Damit lässt sich die ungewöhnliche Schneefallperiode von 2021 bis 2023 wesentlich besser als natürliche Schwankung des Klimasystems erklären. Die Forscher warnen deshalb davor, aus einer kurzfristigen Veränderung unmittelbar auf einen langfristigen Klimatrend zu schließen.

Gerade weil die zusätzliche Schneemenge die Entwicklung des antarktischen Eisschildes innerhalb weniger Jahre sichtbar beeinflussen konnte, besteht die Gefahr, kurzfristige Schwankungen mit einer dauerhaften Veränderung zu verwechseln. Die Studie zeigt nach Auffassung der Forscher, wie wichtig es ist, die Ursachen solcher Veränderungen zu untersuchen, anstatt allein aus den beobachteten Veränderungen der Eismasse auf einen langfristigen Trend zu schließen.

Natürliche Klimavariabilität und menschlicher Einfluss

Die Autoren betonen gleichzeitig, dass sich aus den Ergebnissen nicht ableiten lässt, dass der Mensch keinen Einfluss auf die antarktische Eisentwicklung hat. Vielmehr muss zwischen verschiedenen Vorgängen unterschieden werden.

Die ungewöhnliche Schneefallperiode in der Ostantarktis zwischen 2021 und 2023 lässt sich nach den Ergebnissen der Untersuchung wahrscheinlich überwiegend durch natürliche Schwankungen im tropischen Klimasystem erklären. Es sei schwierig, bei solchen Vorgängen den Einfluss menschlicher Aktivitäten eindeutig von der natürlichen Klimavariabilität zu trennen.

Andererseits gibt es nach Angaben der Forscher durchaus Zusammenhänge zwischen dem Anstieg der Kohlendioxidkonzentration und klimatischen Bedingungen, die den Eisverlust in der Westantarktis beschleunigen. Die Studie stellt daher die langfristige Bedeutung der globalen Erwärmung für die Antarktis nicht grundsätzlich infrage. Sie zeigt vielmehr, dass kurzfristige Veränderungen innerhalb des langfristigen Trends eine erhebliche natürliche Variabilität aufweisen können.

Warum die Unterscheidung wichtig ist

Der antarktische Eisschild ist für die zukünftige Entwicklung des Meeresspiegels von herausragender Bedeutung. Er bedeckt eine Fläche, die größer ist als die Vereinigten Staaten und Mexiko zusammen, und enthält den größten Teil des Süßwassers der Erde in Form von Eis.

Gleichzeitig gehört die zukünftige Entwicklung des antarktischen Eisschildes zu den größten Unsicherheiten bei den Prognosen des langfristigen Meeresspiegelanstiegs. Deshalb ist es wichtig, nicht nur zu wissen, wie viel Eis die Antarktis gewinnt oder verliert, sondern auch, warum sich die Eismasse verändert.

Die Ergebnisse der Studie liefern dafür ein wichtiges Beispiel. Eine ungewöhnliche Zunahme der Schneemenge kann innerhalb weniger Jahre dazu führen, dass sich die gesamte Massenbilanz des Eisschildes vorübergehend verbessert. Das bedeutet jedoch nicht zwangsläufig, dass sich auch der langfristige Trend geändert hat.

Die Forscher sehen darin eine grundsätzliche Warnung für die Klimaforschung: Einzelne Jahre oder kurze Zeiträume sollten nicht vorschnell als Beleg für eine dauerhafte Veränderung interpretiert werden. Das Klimasystem weist natürliche Schwankungen auf, die über Jahre oder sogar Jahrzehnte erhebliche Auswirkungen haben können.

Fazit

Die vorübergehende Zunahme der Eismasse in Teilen der Antarktis zwischen 2021 und 2023 war nach den Ergebnissen der Studie vor allem das Ergebnis außergewöhnlich starker Schneefälle. Diese wurden wiederum durch ungewöhnlich warme tropische Meeresgebiete und die dadurch veränderte atmosphärische Zirkulation ausgelöst.

Damit spricht die Untersuchung gegen die Vorstellung, dass die Entwicklung bereits einen dauerhaften „neuen Normalzustand“ der Antarktis darstellt. Historische Daten zeigen vielmehr, dass vergleichbare mehrjährige Erwärmungsphasen des tropischen Warmwasserpools Bestandteil der natürlichen Klimavariabilität sind.

Die Ergebnisse bedeuten allerdings nicht, dass der langfristige Eisverlust der Antarktis beendet wäre. Sie zeigen vielmehr, dass der langfristige Trend von erheblichen kurzfristigen Schwankungen überlagert werden kann. Für die Beurteilung der zukünftigen Entwicklung des Eisschildes ist deshalb eine ausreichend lange Beobachtungsperiode entscheidend.

Die zugrunde liegende wissenschaftliche Arbeit wurde in Nature veröffentlicht und trägt den DOI 10.1038/s41586-026-10912-x.

Weiterlesen: https://phys.org/news/2026-08-antarctica-rebound-climate-variability.html

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