Europas schlimmstes mittelalterliches Hochwasser zeigt die Gefahr aufeinanderfolgender Extremereignisse

Quelle: Phys.org – https://phys.org/news/2026-08-europe-worst-medieval-highlights-successive.html, University of Liverpool, 12. August 2026

Das größte Hochwasserereignis Europas im vergangenen Jahrtausend war offenbar nicht das einzelne Ereignis, als das es bislang häufig betrachtet wurde. Neue Forschung zeigt, dass die sogenannte Magdalenenflut von 1342 Teil einer außergewöhnlichen Abfolge von insgesamt 16 schweren Hochwasserereignissen war, die sich zwischen Ende 1341 und 1343 über weite Teile Europas erstreckten. Die Studie wurde von Forschern der Technischen Universität Wien geleitet und unter anderem unter Beteiligung der University of Liverpool durchgeführt. Sie wurde in der Fachzeitschrift Nature veröffentlicht.

Die Magdalenenflut im Juli 1342 gilt insbesondere in Mitteleuropa als eines der verheerendsten Hochwasser des vergangenen Jahrtausends. Flüsse wie Rhein, Main, Donau und Elbe traten über die Ufer und verwüsteten große Gebiete. Die neue Untersuchung zeigt jedoch, dass die Katastrophe in einen viel größeren Zusammenhang gehört. Über einen Zeitraum von rund zwei Jahren kam es in verschiedenen Regionen Europas wiederholt zu extremen Überschwemmungen. Nicht jedes dieser Ereignisse traf dieselben Gebiete, doch in ihrer Gesamtheit entwickelten sie eine enorme zerstörerische Wirkung.

Für die Rekonstruktion dieser Ereignisserie werteten die Forscher eine große Zahl historischer Quellen aus. Dazu gehörten Chroniken, wirtschaftliche und rechtliche Dokumente sowie zeitgenössische Wetteraufzeichnungen. Besonders hilfreich waren auch die Aufzeichnungen des englischen Geistlichen und Meteorologen William Merle aus Oxford. Zusätzlich verglichen die Wissenschaftler die historischen Berichte mit heutigen Hochwasserereignissen, die gleichzeitig mehrere Regionen Europas betreffen können. Auf diese Weise ließ sich ein wesentlich detaillierteres Bild der damaligen Hochwasserperiode gewinnen.

Die Folgen für die mittelalterliche Gesellschaft waren erheblich. Tausende Menschen dürften unmittelbar durch die Überschwemmungen oder später durch Hunger und Krankheiten ums Leben gekommen sein. Zahlreiche Siedlungen und Infrastrukturanlagen entlang der großen Flüsse wurden beschädigt oder zerstört. Besonders schwer wogen die Schäden in der Landwirtschaft, da Felder überflutet und Ernten vernichtet wurden. Die wiederholten Überschwemmungen erschwerten zudem die Erholung der betroffenen Regionen: Wo eine Bevölkerung gerade begonnen hatte, Schäden zu beseitigen und Vorräte wieder aufzubauen, konnte bereits das nächste Extremhochwasser folgen. Dadurch verstärkten sich die wirtschaftlichen und sozialen Folgen.

Ein Beispiel für die langfristigen Auswirkungen findet sich in Prag. Das Hochwasser beschädigte die dortige Steinbrücke erheblich. Die Erfahrungen mit den außergewöhnlich starken Fluten trugen letztlich dazu bei, dass später die berühmte Karlsbrücke errichtet wurde, die auf wesentlich größere Wasserstände und Strömungskräfte ausgelegt war. Das Beispiel zeigt, dass extreme Naturereignisse nicht nur kurzfristige Schäden verursachen, sondern auch die bauliche Entwicklung von Städten über Jahrhunderte beeinflussen können.

Besonders bemerkenswert ist die Häufung der Ereignisse. Nach der Untersuchung war 1342 das Jahr mit der höchsten Zahl extremer Hochwasserereignisse innerhalb der vergangenen 700 Jahre. Auch 1343 gehörte zu den Jahren mit außergewöhnlich vielen Fluten und lag in dieser Hinsicht an dritter Stelle. Die Forscher gehen deshalb davon aus, dass die ungewöhnliche Häufung nicht einfach eine zufällige Aneinanderreihung unabhängiger Wetterereignisse war.

Als mögliche Ursache kommt eine außergewöhnliche Kombination verschiedener klimatischer und atmosphärischer Faktoren infrage. Dazu gehört eine ungewöhnlich hohe Zahl von Vulkanausbrüchen in den Jahren 1340 und 1341, darunter der Ausbruch des isländischen Vulkans Hekla. Große Vulkanausbrüche können Schwefelverbindungen und andere Aerosole bis in die höhere Atmosphäre transportieren. Diese Partikel können die Sonneneinstrahlung abschwächen, die Atmosphäre abkühlen und großräumige Veränderungen der atmosphärischen Zirkulation auslösen. Hinzu kam eine vergleichsweise geringe Sonnenaktivität während der 1330er- und 1340er-Jahre. Auch mehrjährige Veränderungen der arktischen Meereisbedeckung könnten eine Rolle gespielt haben.

Die Studie ist vor allem deshalb für die heutige Hochwasserforschung interessant, weil sie einen wichtigen Aspekt des Katastrophenschutzes verdeutlicht: Extremereignisse treten nicht zwangsläufig unabhängig voneinander auf. Wenn mehrere schwere Hochwasser innerhalb kurzer Zeit auftreten, können sich ihre Folgen gegenseitig verstärken. Eine Region, die nach einem ersten Hochwasser bereits wirtschaftlich geschwächt ist, verfügt möglicherweise nicht über genügend Zeit und Ressourcen, um sich vor dem nächsten Ereignis vollständig zu erholen.

Für die heutige Hochwasservorsorge bedeutet dies, dass nicht nur die Wahrscheinlichkeit eines einzelnen Extremhochwassers betrachtet werden sollte. Ebenso wichtig ist die Frage, wie wahrscheinlich eine Abfolge mehrerer extremer Ereignisse innerhalb eines kurzen Zeitraums ist. Eine solche Betrachtung wird als Risiko aufeinanderfolgender oder kumulativer Extremereignisse bezeichnet. Sie ist insbesondere für dicht besiedelte Flussgebiete und für kritische Infrastruktur von Bedeutung.

Die mittelalterliche Hochwasserperiode von 1341 bis 1343 liefert damit ein historisches Beispiel dafür, dass außergewöhnliche klimatische Bedingungen eine ganze Serie extremer Ereignisse auslösen können. Die Untersuchung zeigt zugleich den Wert historischer Daten für die heutige Klimaforschung. Chroniken, alte Rechtsdokumente, Berichte über Ernteschäden und andere historische Quellen können Informationen über Extremereignisse liefern, die weit vor Beginn moderner meteorologischer Messungen stattfanden.

Die zentrale Erkenntnis der Studie reicht deshalb über die Magdalenenflut von 1342 hinaus: Für die Einschätzung zukünftiger Hochwasserrisiken genügt es nicht, nur die Stärke einzelner Extremereignisse zu betrachten. Entscheidend kann auch sein, ob mehrere außergewöhnliche Ereignisse in kurzer Folge auftreten. Die Geschichte Europas zeigt, dass eine solche Abfolge erhebliche Auswirkungen auf Gesellschaft, Landwirtschaft, Infrastruktur und Versorgung haben kann.

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Kiss et al. 2026

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