Klima und Energiewende aus Sicht von Prof. Harald Lesch im BR3 – Vermeintlich einfache Lösungen unter dem Deckmantel von Wissenschaft

Von Dr.-Ing. Ernst-Jürgen Niemann

Der Sonntagsstammtisch im BR3 vom 19.07.2026 ist ein hervorragendes Beispiel für Desinformation und realitätsferne Argumentation im Öffentlich-Rechtlichen (ÖR) und deshalb absolut sehenswert. In der Mediathek: https://www.ardmediathek.de/video/der-sonntags-stammtisch/mit-klaus-holetschek-und-harald-lesch/br/Y3JpZDovL2JyLmRlL2Jyb2FkY2FzdC9GMjAyNVdPMDE2ODk3QTA

Ab etwa Minute 25 geht es um die Hitzewelle und der Gesprächsverlauf erfolgt etwa so:

  1. Extreme Hitzewelle, viele Tote werden der Öffentlichkeit verschwiegen, wir brauchen Klimaanlagen in Gebäuden; Immer mehr Extremwetterereignisse; Ahrtalflut
  2. Und trotzdem will man jetzt mehr fossile Kraftwerke [Einwand Ursula Münch – ironisches Lachen Prof. Lesch], die Gesellschaft ignoriert zunehmend die Folgen des Klimawandels und man denkt wieder über Kernenergie nach [ironisches Lachen Prof. Lesch]
  3. [Prof. Lesch] Erneuerbare seien auf der ganzen Welt auf dem Vormarsch; die Naturgesetze sind auf der ganzen Welt gleich, warum machen wir es nicht auch so wie andere Länder? Vorbilder Solarparks z.B. in Kalifornien in Kombination mit Batteriespeichern, China, Indien und sogar Pakistan. Deutschland habe Photovoltaik erfunden. Jetzt machen es die anderen. Wir müssen den Ausbau der Erneuerbaren nur konsequent fortsetzen, dann wird der Strom bei uns langfristig viel günstiger.

Das mit dem Ductus eines honorigen Professors vorgetragen und von den Anwesenden scheinbar ehrfurchtsvoll aufgenommen. Da konnte auch nicht schaden, dass der vom Moderator als Populärwissenschaftler vorgestellte Professor bestätigen musste, dass er in der Schule Förderunterricht in Mathematik erhalten hatte. Auch wenn ein Populärwissenschaftler nur vereinfacht erklärt, sollten „Erkenntnisse“ und Empfehlungen substantiiert sein. Die Veranstaltung ist aber ein typisches Beispiel dafür, wie die üblichen Narrative fern logischer Zusammenhänge, wissenschaftlicher Grundlagen und der wirtschaftlichen Realität über die ÖR Verbreitung finden.

Zu 1.

Laut IPCC („Weltklimarat“) Sachstandsbericht AR6, Tabelle 12.12., gibt eine signifikante Wahrscheinlichkeit für mehr Extreme Hitze, aber keine signifikant erhöhte Wahrscheinlichkeit für eine Zunahme von  Extremwetterereignisse wie Sturm, Regen, Hochwasser oder Dürren.  Das ist der Stand der Wissenschaft und sollte bekannt sein.Dass das unter politik-dominiertem Einfluss in den„Summaryfor Policy Makers“ abweichend dargestellt wird, ist lediglich der notwendigen Konsenserzielung und Unterzeichnung aller Teilnehmerstaaten geschuldet und wird innerhalb der Klimawissenschaft scharf kritisiert.  Dass in der BR3 Sendung mal wieder das Ahrtalhochwasser als Beweis für klimawandelbedingte Extremwetter-ereignisse genannt wird, zeugt genauso von Unkenntnis. Das Ahrtalhochwasser 2021 ist nur eines von mehreren extremen, durch Hochwassermarken und Nachrechnung bewiesenen Ahrtalhochwässern, die auch in Zeiten vor der Industrialisierung und CO2 Konzentrationserhöhung stattgefunden haben. Das Ereignis von 1804 hatte sogar einen signifikant höheren Scheitelabfluss!

Zu 2:

Mit dem Beklagen, dass die Gesellschaft zunehmend den Klimawandel ignoriert, wird das weit verbreitete Theorem bedient: Wenn in Deutschland nicht NettoNull CO2, dann weitere Erhitzung, Katastrophen, Tote …. . Diese Kausalkette wäre einfach, funktioniert aber leider nicht. Deutschland kann die Welttemperatur nicht steuern.

  • Selbst wenn man davon ausgeht, dass CO2 Konzentration zu 100 % für den Klimawandel verantwortlich ist, so würden Klimaänderungen wegen der Trägheit des Systems mit jahrzehntelanger Verzögerung eintreten.
  • NettoNull in einem Industrieland zu erzielen, in dem Fertigungsprozesse energiemäßig optimiert sind, heißt solche Prozesse in Länder zu verlagern, wo mit höherem CO2 -Abdruck ganz ohne CO2 -Einschränkungen und -Kosten  preiswert produziert werden kann. China z.B. ist der Hauptlieferant für den deutschen Markt, hat mit 8,35 t/a eine höhere Pro-Kopf CO2 Emission als Deutschland und es wird schon als Erfolg der Erneuerbaren gefeiert, wenn dort die Prokopf-Emission wegen Zubau von Erneuerbaren nicht noch weiter ansteigt. In den letzten Jahren hat China 94 GW Kohlekraft neu gebaut, das ist das 1,5 fache unseres gesamten Lastbedarfs. (Außerdem werden dort 44 weitere Atomkraftwerke gebaut).
  • Wenn wir hier NettoNull erreichen, dann bewirkt dass bei unserem Weltanteil von 1,5 % an den CO2 -Emissionen rechnerisch gar nichts, zumal CO2 intensive Geschäfte ins Ausland verlagert werden. Die vielbesagte Vorbildfunktion Deutschlands bei der Energiewende hat sich ins Gegenteil gewandelt. Deutschland ist heute warnendes Beispiel für Länder mit ähnlich geringen Ressourcen an Erneuerbaren. Die trotz sehr hoher Subventionen sehr hohen Strompreise sind Beweis genug.

Zu 3:

Bei der Thematik Solaranlagen wird es in der Sendung komplett unseriös: Kalifornien, China und sogar Entwicklungsländer wie Pakistan und Indien mit großen Solarparks mit Batteriespeichern als Vorbilder für Deutschland, weil die Naturgesetze überall auf der Welt gleich sind?

  • Alle genannten Länder liegen viel südlicher als Deutschland und bekanntlich ist das für PV maßgebliche Globalstrahlungspotential dort wesentlich höher als in Deutschland. Standorte in China profitieren zusätzlich von hoher Einstrahlung an z.B. 3000 m hoch gelegenen Standorten.
  • Aufgrund der südlichen Lage sind die Tageslichtdauern wesentlich ausgeglichener als in Deutschland mit weniger als 8h im Winter gegenüber 16 h im Sommer.   
  • Die mittlere minimale monatliche PV-Leistung an diesen Vorbild-Standorten ist im Winter mehr als 5 x so hoch wie in Deutschland.
  • Die Großprojekte liegen in Wüstengebieten, profitieren zusätzlich von geringer Bewölkung und sind wegen der Standortverhältnisse wesentlich umweltverträglicher.
  • Alle genannten Länder haben einen viel höheren Wasserkraftanteil als Deutschland und können durch Zusammenspiel von Wasserspeicherung und PV die Stromversorgung viel stärker optimieren.

Diagramme: PV-Output für Bad Hersfeld (geografischer Mittelpunkt Deutschland), sowie für zitierte Standorte mit neuen großen Solar-Batterieparks, in der Mojava Wüste Kalifornien und in der Kubuqui Wüste auf 3000 m Höhe in China, alle Werte in KWh/kWp. (EC Geographic Photovoltaic Information System).

Mit dem Slogan „Die Naturgesetze sind auf der ganzen Welt gleich“ für den konsequenten Ausbau von PV – Batteriesystem in Deutschland mit den Vorbildern der großen Solarbatterieparks u.a. in Kalifornien oder China zu werben ist absurd. Ja die Naturgesetze gelten leider auch in Deutschland:

  • Bei 15° bis 20° höherem Sonnenstand an den Vorbild-Standorten ist die Globalstrahlung (Energiepotential für PV Anlagen) dort signifikant höher.
  • Die längere Tageslichtdauer im Winter (z.B. auf dem 30. Breitengrat 2 h mehr als in Deutschland) ist ein weiterer Faktor für das hohe Solarenergie-Potential im Winter.
  • Fehlender Abschattung durch Wolken und trockene Luft an den Wüstenstandorten sind ein zusätzlicher Booster. Bei hochgelegenen Standorten wird die Strahlung zudem weniger durch die Atmosphäre gemindert.

Der Lacher über die Bemerkung, man wolle jetzt fossile Kraftwerke (Gaskraftwerke) bauen, weist darauf hin, dass man meint, es gehe auch ohne. Also mit Solarstrom an windstillen Tagen im Winter bei uns den Lastbedarf von 50000 MW abzgl.   Wasserkraft und Biomasse, also 45000 MW, d.h. den Netz-Tagesbedarf von 1,1 Mio. MWh nur mit PV + Batterien abdecken?  Und das obwohl neben dem Wind auch PV bei bestimmten Wetterlagen fast vollständig ausfallen kann; also Batteriekapazität für mehr als einen Tag/Nachtausgleich eingeplant werden müsste. Und Batteriespeicherverluste in Höhe von etwa 10 % sind auch zu berücksichtigen.

Bei dem durchschnittlichen Tagesertrag von 0,85 KWh/kWp im Dezember (Siehe Grafik) und einem Flächenbedarf von 6 m²/ kWp ergäbe sich für Deutschland ein PV-Flächenverbrauch in einer Größenordnung von 9000 km² für die notwendige installierten PV-Leistung von ca. 1400 GWp. Die zugehörigen Investitionskosten lägen in einer Größenordnung von 210 Mrd € für PV und 700 Mrd € für Batteriespeicher (zur Abdeckung von 2-tägigem Dunkelflautewetter). Die Nutzungsdauer liegt bei nur 15 Jahren. Dazu kämen erhebliche Kosten für Grund und Boden, Infrastruktur, Netzausbau und Maßnahmen zur Netzstabilisierung.  Das sind undenkbare Größenordnungen, die weit davon entfernt sind, um über den Strompreis oder Subventionen aufgefangen werden zu können! Wie man den 5- bis 6-mal höheren Solarstrom im Sommer technisch und wirtschaftlich beherrschen soll, ist ein weiteres Problem.

An den zitierten Vorbildstandorten wie Kaliforniern und China, ist der Bau und Betrieb von Solar-Batterie Parks in einer Größenordnung von 8 bis10 mal wirtschaftlicher.  Dank des viel höheren Solarenergie-Potential und der Regelmäßigkeit des Solarangebots an den Wüstenstandorten (fast immer Sonnenschein) können dort die Batteriespeicher-Kapazitäten sehr viel kleiner gehalten werden.  

Deutschland sollte endlich akzeptieren, dass es auch in Bezug auf Erneuerbare ein vergleichsweise ressourcenarmes Land ist: Wenig Wasserkraft, nur mittelmäßige Windkraftressourcen (selbst an besseren Standorten in Norddeutschland nur 30 bis 35 % Auslastung bis hin nach Süddeutschland nur noch 15-20 %, in windparkreichen Gebieten bereits Wind-Stilling Effekte), in 4 Monaten des Winterhalbjahrs kaum Solarenergie und Biogas muss über Monokulturen teuer erkauft werden.  

Wenn selbst Robert Harbeck und seine grünen Berater,  trotz zu seiner Zeit noch vorgesehener Energiespeicherung durch Wasserstoff, zu dem Ergebnis kamen, dass man ohne zusätzliche Gaskraftwerke nicht auskommt, wenn Deutschland trotz noch bestehendem Kohlekraftwerkspark und Zubau von Erneuerbaren (insbesondere Solar) immer mehr von Stromimporten zur Netzstabilisierung abhängig wird und der Strompreis gleichzeitig trotz immer höherer Subventionen nicht sinkt, dann sind das doch ernsthafte Probleme, die man nicht mit ironischem Lachen negieren kann. Ein intensiviertes „Weiter So“ (weil ja Solar viel billiger geworden ist) mit Stromspeichern statt „fossilen“ Gaskraftwerken, wird uns jedenfalls zu immer höheren Kosten weiter in die Sackgasse führen.

Trotz aktuell intensivem Zubau deckt die derzeitige netzdienlich einsetzbare Batteriekapazität den Lastbedarf in Deutschland nur für knapp10 min. Wegen des im Tagesgang fluktuierenden Stromangebots und den dadurch bedingten großen Preisschwankungen an der Börse, die vor allem im Sommerhalbjahr durch Solar bedingt sind, sind Batterie-Großspeicher aktuell sehr profitabel. Sobald die Schwankung des Strompreises z.B. durch zusätzliche Batteriespeicherkapazität geglätteter sein wird, wird sich das Batteriespeichergeschäft ab einer Grenze nicht mehr lohnen und der weitere Speicherausbau wird zum Stehen kommen.  Dass eines Tages tagelange Dunkelflauten durch Batteriespeicher abgedeckt werden, ist Illusion.

Die Kritik des Bundesrechnungshofs 2024 an der Durchführung der Energiewende, mit den Hauptpunkten Große Risiken bei der Versorgungssicherheit; Keine Klarheit über Kosten und Finanzierung; Kein Monitoring der Umweltauswirkungen; Ausufernde Strompreise hätte Alarm auslösen müssen. Das wurde jedoch nur wenig in den Medien thematisiert, wurde durch Anzweifeln der Seriosität der Verfasser bis hin zu Rücktrittsforderung des Präsidenten relativiert und verschwand schnell von der Tagesordnung. Die Verbreitung vermeintlich einfacher CO2 freier Lösungen für die Energiewende mit den Beispielen Kaliforniern, China, Pakistan, Indien findet offensichtlich leichter den Weg in die Öffentlichkeit als die seriöse Auseinandersetzung mit den vom Bundesrechnungshof aufgezeigten damit verbundenen ernsten Probleme.  Und dass man wieder über Atomkraft nachdenkt, wird ebenfalls belächelt. Bei dieser populistischen Sichtweise machen es alle anderen Länder falsch. Also die Nachbarländer, die am Atomstrom festhalten, die Atomkraft weiter ausbauen oder wie Dänemark, das wegen seines hohen Anteils an Erneuerbaren Energien gestern noch als Vorbild gelobt wurde, jetzt den gesetzlichen Bann von Nuklearforschung aufgehoben hat, mit der Begründung, die Stromversorgung in Dänemark langfristig sicherer machen zu müssen.

Und zum Schluss der Sendung ist der teilnehmende CSU-Politiker Klaus Holetschek durch das „überzeugende“ Auftreten von Prof. Lesch so unter Druck geraten, dass er schnell entschuldigend hervorhebt, dass jetzt viele Windkraftanlagen in Bayern gebaut werden und er sich gerne mit Prof. Lesch zusammensetzt, um analoge Lösungen auch für Bayern zu finden. Also, Solar-Batterie Parks in Bayern alla Mojave Wüste in Kalifornien statt Gaskraftwerke?  Quo Vadis Bavaria/Germania??

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