Von Frank Bosse
Seit 1961 schwirrt das Thema durch das wissenschaftliche Schrifttum. Die erste Arbeit, die sich auch quantitativ und von mehreren Seiten näherte, war eine aus 2015 mit dem Hauptautor Stefan Rahmstorf (PIK). Darin wurde die These aufgestellt, dass ein Meeresgebiet südlich von Grönland, das sich trotz sonst überall auf der Nordhalbkugel steigender Meerestemperauren nicht erwärmte, ein Merkmal einer reduzierten Atlantischen Umwälzzirkulation (AMOC) sei.

Ein Index wurde gebildet, der sich aus der Differenz der Meerestemperaturen da (ein „kalter Fleck“) und den Temperaturen der Nordhalbkugel ergab. Der enthielt auch viel Landflächen, die sich nach ca. 1980 aus völlig anderen Gründen stärker erwärmen als die Ozeane. Hätten die Autoren fair nur die Ozeantemperaturen benutzt, so ergäbe sich ein um ca. 1/3 geringerer Rückgang des Index. Es war also eine sehr gewagte Vermutung und bedurfte einer Begründung. Dafür wurde ein Modellvergleich benutzt, im Bild 2 der Arbeit:

Quelle: Fig. 2 der verlinkten Arbeit Rahmstorf et al. 2015
Man modellierte mit einem Klimamodell den Verlauf des Index (oben in blau) bis ins Jahr 2100 und verglich ihn mit der modellierten AMOC-Reduktion (rot). Eine tolle Übereinstimmung, nicht wahr? Nur hatte man das nur mit einem Modell und einem Antriebsszenario unternommen: RCP 8.5.
Damit auf die reale Welt zu schließen und das reale Verhalten der AMOC war schon damals gewagt und heute weiß man: RCP 8.5 ist unplausibel, wir berichteten.
Bei Licht besehen war es eine ganz schwache Indizienkette, die den „AMOC- Index“ stützte, heute ist das sogar unplausibel.
Darüber hinaus ist es auch für modernste Klimamodelle sehr (gelinde gesagt) herausfordernd, die AMOC einigermaßen realistisch zu replizieren. Der Grund: Ihre Auflösung ist durch den Mechanismus einer Wasserströmung mit vielen auch kleineren Wirbeln („Eddies“) nicht hinreichend dafür. Das führt dazu, dass von 18 CMIP6 Modellen 7 eine erstarkende Strömung bis 2100 modellieren, 6 eine sich abschwächende und 5 eine ohne Trend (Gong 2022). Modelle und AMOC: ein wenig wie Würfeln. Damit (wie Rahmstorf et al. 2015) so weitgehende Rückschlüsse auf die reale AMOC zu ziehen war und ist kein Argument.
Nun verging Zeit nach 2015 und es erschienen viele, viele Paper zum Thema. Sie gingen keineswegs einheitlich aus, sowohl was die Hypothesen zu einer „Reduktion“ der AMOC angingen als auch um die Brauchbarkeit des sich nicht erwärmenden Meeresgebietes als „Fingerabdruck“ für die AMOC. Und man konnte die Strömung seit 2004 auch direkt beobachten und ihre Stärke bestimmen. Eine aktuelle Arbeit aus dem Jahre 2025 befasste sich damit und erhielt dieses Ergebnis:

Quelle: Fig. 7 aus Calafat et al. (2025)
Es wurden dort nicht nur das Instrument zur Messung der Strömung selbst („Rapid“) herangezogen, sondern noch einige andere Größen.
Man sieht keinen Trend von Bedeutung. Zwischen 2004 und 2024: Keine signifikante Veränderung und sehr viel Variabilität.
Eine weitere Studie analysiert den Wärmefluss von der Südhalbkugel hin zur Nordhalbkugel. Dazu muss man wissen, dass dieser nahezu völlig durch die AMOC realisiert wird. Das kann man aus Daten auch rekonstruieren und damit die Zeit der direkten Beobachtung nach vorn verlängern. Das Resultat hier:

Quelle: Fig. 9a aus Terhaar et al. (2025)
Verbal steht es schon im Titel der Arbeit: „…keine Abschwächung seit den 60er Jahren“
Vielmehr sieht es so aus, als ob sich die Strömung kurz vor Beginn der direkten Messung 2004 im Rahmen ihrer großen natürlichen Variabilität intensivierte und in den 80er Jahren schwächer war als heute. Das würde dann nicht dafürsprechen, dass der Klimawandel seitdem die AMOC geschwächt hätte. Genau das Gegenteil vermuteten Rahmstorf et al. (2015), man vergleiche das erste Bild in diesem Artikel.
Es ist also bei weitem nicht so, dass die These der „kollabierenden AMOC durch den Klimawandel“ in irgendeiner Art und Weise gesichertes Wissen wäre. Es wird von den Protagonisten nur gerne dieses falsche Bild auch öffentlich vermittelt. Wie sich nun auch herausstellt: auch mit inzwischen „unplausiblen“ Methoden und gesiebten Klimamodellen, die allesamt für die Aufgabe nur ungenügend geeignet sind.
Wenn also wohl demnächst (man kann darauf wetten, dass es so kommt!) eine neue „AMOC-Sau“ durchs Dorf getrieben wird mit völlig übertriebener „Sicherheit“ eines „Kollapses“ oder drastischen Reduzierung der Meeresströmung: Das Kapitel gehört in Wahrheit zu der „sehr unsicheren Zukunft“, die unserem Universum eigen ist.