Quelle: Phys.org, https://phys.org/news/2026-10-forgotten-samples-greenland-cold-war.html, Autor: Tom Dinki, veröffentlicht am 20. Oktober 2026
Eine neue Studie unter Leitung der University at Buffalo liefert interessante Erkenntnisse über die Klimageschichte Grönlands. Anhand jahrzehntelang vergessener Sedimentproben aus einer ehemaligen amerikanischen Militärbasis konnten Wissenschaftler die sommerlichen Temperaturen in Nordwestgrönland während einer eisfreien Phase vor rund 416.000 Jahren rekonstruieren. Demnach lagen die damaligen Sommertemperaturen um durchschnittlich 4,7 Grad Celsius höher als im modernen Vergleichszeitraum. Die Ergebnisse wurden am 28. September 2026 in der Fachzeitschrift Climate of the Past veröffentlicht.
Die untersuchten Sedimente stammen aus Camp Century, einer amerikanischen Militärbasis, die während des Kalten Krieges unter dem grönländischen Eisschild errichtet wurde. Die US-Armee verfolgte dort unter dem geheimen Projektnamen „Project Iceworm“ unter anderem den Plan, ein ausgedehntes Tunnelsystem zur Stationierung von Atomraketen anzulegen. Im Rahmen der damaligen Forschungsarbeiten wurden 1966 Eisbohrkerne gewonnen, die bis zum Untergrund in rund 1,4 Kilometern Tiefe reichten. Dabei gelang es, auch Sedimente unterhalb des Eises zu bergen.
Diese Proben gelangten 1975 an die University at Buffalo, wo sie zunächst wissenschaftlich aufbewahrt wurden. Nach der Pensionierung des verantwortlichen Wissenschaftlers Chester Langway Mitte der 1990er Jahre wurden sie an die Universität Kopenhagen überführt. Dort gerieten sie für mehr als zwei Jahrzehnte weitgehend in Vergessenheit. Erst 2018 wurden die Proben bei einer routinemäßigen Durchsicht eines Gefrierlagers wiederentdeckt. Seitdem untersuchen Wissenschaftler der University at Buffalo und der University of Vermont das Material mit modernen geochemischen Methoden.
Frühere Untersuchungen hatten bereits gezeigt, dass der Standort Camp Century vor ungefähr 416.000 Jahren eisfrei gewesen sein muss. Die Datierung ist mit einer Unsicherheit von etwa 38.000 Jahren verbunden. Die eisfreie Phase fällt damit in das marine Sauerstoffisotopenstadium 11 (MIS 11), eine besonders lange Warmzeit des mittleren Pleistozäns. Damit Camp Century damals eisfrei sein konnte, musste sich der grönländische Eisschild in dieser Region gegenüber seiner heutigen Ausdehnung um mindestens rund 100 Kilometer zurückgezogen haben. Das bedeutet allerdings nicht, dass ganz Grönland eisfrei gewesen wäre.
Die neue Untersuchung konzentriert sich erstmals auf eine quantitative Rekonstruktion der damaligen Sommertemperaturen am Standort. Dazu analysierten die Forscher organische Moleküle, sogenannte Lipid-Biomarker, die von Bakterien und Pflanzen produziert und anschließend in den Sedimenten konserviert wurden. Besonders aufschlussreich sind bestimmte bakterielle Membranlipide, deren chemische Zusammensetzung von den Umgebungstemperaturen abhängt. Durch den Vergleich mit entsprechenden Molekülen aus heutigen arktischen Seesedimenten konnten die Wissenschaftler die Temperaturen der frostfreien Monate abschätzen.
Die Rekonstruktion ergab eine sommerliche Temperaturanomalie von 4,7 Grad Celsius gegenüber dem modernen Referenzklima, bei einer Unsicherheit von ±3,2 Grad Celsius. Für den Vergleich mussten die Forscher berücksichtigen, dass sich die Geländehöhe infolge des Abschmelzens und erneuten Anwachsens des Eisschildes verändert hat. Solche isostatischen Höhenänderungen beeinflussen die lokalen Temperaturen und erschweren den direkten Vergleich zwischen früheren und heutigen Klimabedingungen.
Zusätzlich untersuchten die Forscher Wasserstoffisotope in pflanzlichen Wachsen. Diese Analysen ermöglichten Rückschlüsse auf die damaligen Niederschlagsverhältnisse und die Herkunft der atmosphärischen Feuchtigkeit. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass während der eisfreien Phase ein größerer Anteil der sommerlichen Luftfeuchtigkeit aus lokalen Quellen stammte. Dies passt zu einer Landschaft mit weniger Eis, ausgedehnterer Tundrenvegetation und stärkerer Verdunstung über Landflächen.
Besonders bemerkenswert ist der Vergleich mit dem frühen und mittleren Holozän. Bereits vor etwa 5.000 bis 10.000 Jahren herrschten auf Grönland ähnlich warme sommerliche Bedingungen. Dennoch blieb der Standort Camp Century während dieser jüngeren Warmphase von Eis bedeckt. Die Forscher schließen daraus, dass nicht allein die Höhe der Temperaturen entscheidend für den Rückzug des Eisschildes ist. Vielmehr spielt auch die Dauer einer Erwärmungsphase eine wesentliche Rolle.
Die Warmzeit vor rund 416.000 Jahren könnte über einen Zeitraum von mehreren Zehntausend Jahren vergleichsweise hohe Temperaturen aufgewiesen haben. Dadurch stand wesentlich mehr Zeit für das fortschreitende Abschmelzen des Eises zur Verfügung. Während kürzerer Warmphasen kann ein großer Eisschild dagegen trotz ähnlich hoher Sommertemperaturen bestehen bleiben, weil seine Reaktion auf klimatische Veränderungen sehr langsam erfolgt.
Die Untersuchung unterstreicht somit die Bedeutung der zeitlichen Dimension beim Verständnis der Eisschilddynamik. Selbst eine über längere Zeit anhaltende moderate Erwärmung kann erhebliche Veränderungen der Eisausdehnung bewirken. Gleichzeitig zeigen die Ergebnisse, dass frühere Warmzeiten nicht ohne Weiteres mit der gegenwärtigen Klimaentwicklung gleichgesetzt werden können. Nach Einschätzung der beteiligten Wissenschaftler verläuft die heutige menschengemachte Erwärmung intensiver als die untersuchte Warmphase vor rund 400.000 Jahren.
Studienleiterin Elizabeth Thomas betont, dass sowohl die Stärke als auch die Dauer einer Erwärmung berücksichtigt werden müssen, um die zukünftige Entwicklung des grönländischen Eisschildes beurteilen zu können. Klimaprojektionen lassen erwarten, dass erhöhte Temperaturen über Jahrhunderte oder sogar Jahrtausende anhalten könnten. Die langfristigen Konsequenzen für die Eismassen könnten deshalb erheblich sein.
Die neue Studie liefert wichtige quantitative Daten zu einer bislang nur unzureichend dokumentierten Warmzeit des Pleistozäns. Da spätere Vergletscherungen große Teile der damaligen Sedimentablagerungen abgetragen haben, sind entsprechende Klimaarchive in Grönland äußerst selten. Die wiederentdeckten Proben aus Camp Century stellen daher eine außergewöhnlich wertvolle Informationsquelle dar. Sie ermöglichen einen direkten Einblick in die klimatischen Bedingungen einer Zeit, als der grönländische Eisschild in Nordwestgrönland deutlich kleiner war als heute.
Originalquelle: https://phys.org/news/2026-10-forgotten-samples-greenland-cold-war.html