Rupert Pritzl auf der Webseite der Ludwig Erhard Stiftung:
„Wir brauchen dringend eine grundlegende Neuausrichtung der verfehlten Klimapolitik in Deutschland“
Die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Auswirkungen der verfehlten deutschen Klimapolitik sind kaum mehr zu übersehen: Deutschland verfehlt regelmäßig seine ambitionierten selbstgesetzten Klimaziele und leidet – wie kein anderes OECD-Land – seit sechs Jahren unter einer tiefen strukturellen Krise, die mit der Verlagerung industrieller Produktion und der Abwanderung hochbezahlter Industriearbeitsplätze ins Ausland einhergeht. „Deutschlands Industrie plant die Abwanderung“ titelt jüngst das Handelsblatt (vgl. Fröndhoff, Olk 2026). Die öffentlichen Haushalte sind angespannt, insbesondere die Finanzlage der Kommunen ist äußerst ernst, und für Sozialausgaben, Rente und Gesundheit sowie Investitionen in die Infrastruktur scheint das Geld auszugehen, was die gesellschaftlichen Verteilungskonflikte verschärft. Es ist offensichtlich, dass ein gesellschaftlicher Verteilungskampf um die knappen Ressourcen eingesetzt hat, der in Zukunft noch an Intensität zunehmen wird. Der Vergleich mit anderen Ländern, die die Auswirkungen der Corona-Krise und des Ukraine- und Iran-Kriegs besser begegnen, zeigt, dass vor allem die verfehlte deutsche Klimapolitik ursächlich für diese gesellschaftlichen Probleme ist.
Angesichts dieser Entwicklung wird es immer dringlicher, nach der ökologischen Zielerreichung, der ökonomischen Sinnhaftigkeit und den sozialen Belastungen der deutschen Klimapolitik zu fragen, also die Frage nach der Nachhaltigkeit der deutschen Klimapolitik zu stellen (vgl. auch Pritzl 2026). Das Konzept der Nachhaltigkeit steht für einen dauerhaften und tragfähigen Ausgleich von ökologischen, ökonomischen und sozialen Zielen, ohne dass es zu unverhältnismäßigen Belastungen in einzelnen Bereichen oder Einschränkungen zukünftiger Entwicklungsmöglichkeiten kommt (vgl. Brundtland-Bericht 1987). Es wird deutlich, dass wir die Klimapolitik in Deutschland dringend und grundlegend neu ausrichten müssen.
Ökologische Dimension
Deutschland verfehlt jedes Jahr seine ambitionierten klimapolitischen Ziele oder erreicht sie nur durch eine Verringerung der Industrieproduktion im Inland bzw. Verlagerung ins Ausland. Jüngst hat der Expertenrat für Klimafragen festgestellt, dass Deutschland seine Klimaziele 2030 nicht erreichen und sein Emissionsbudget um 60 bis 100 Millionen Tonnen CO2-Einsparung überziehen wird (vgl. ERK 2026). Die Verlagerung der industriellen Produktion ins Ausland führt aufgrund des „carbon-leakage“-Effektes zu global höheren THG-Emissionen (z. B. bei einer bekanntlich in China ca. dreimal so hohen CO2-Intensitiät der Industrieproduktion gegenüber Deutschland). Die national-fokussierte und überambitionierte deutsche Klimapolitik (Klimaneutralität im nationalen Alleingang bereits 2045) bewirkt innerhalb des übergeordneten EU-Emissionshandelssystems („Wasserbetteffekt“) nichts und ist zudem wegen des 1,6-prozentigen Anteils an den globalen THG-Emissionen vernachlässigbar gering. Wir bauen die ohnehin schon großen Überkapazitäten an erneuerbaren Energien unbeirrt weiter aus, rangieren aber weiterhin unter den sieben EU-Ländern mit dem treibhausgasintensivsten („schmutzigsten“) Strommix (vgl. EEA 2025). Nach mittlerweile 26-jähriger EEG-Förderung erreichen wir einen ernüchternden rd. 7,5 Prozent Anteil von PV- und Windenergie am deutschen Primärenergieverbrauch.
Ökonomische Dimension
Die bisher angefallenen Kosten der Energie- und Klimapolitik werden auf mehrere Hundert Milliarden Euro beziffert, vor allem für EEG-Förderung und KfW-Förderprogramme sowie als Kompensation für die vielfältigen klimapolitischen Staatseingriffe. Allein für die EEG-Förderung wurden bisher rd. 300 Milliarden Euro verausgabt und weitere Zahlungsverpflichtungen in ähnlicher Höhe für die Zukunft gewährt (vgl. Frondel 2023). Nach Berechnungen des Instituts der deutschen Wirtschaft erreichen die staatlichen Subventionen des Energiesektors im Jahr 2026 einen Rekordwert von 29,5 Milliarden Euro, um die Strompreise für Unternehmen und Verbraucher zu dämpfen (vgl. Stratmann 2025). Im Bundeshaushalt fallen pro Jahr rd. 80 Mrd. Euro für unmittelbare Klimaschutzinvestitionen an (vgl. Weimann 2025); hinzu kommen noch weitere Kosten für den Ausbau der Stromnetze, für Redispatch und für die Systemintegration des volatilen erneuerbaren Stroms. Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche spricht von Energiesystemkosten von über 36 Mrd. Euro im Jahr 2026, die bis 2035 auf bis zu 90 Mrd. Euro ansteigen werden (vgl. Reiche 2026). Bundeskanzler Friedrich Merz hatte sich Anfang des Jahres über die „teuerste Energiewende der Welt“ beklagt (vgl. o. V. 2026). Dies ist nicht überraschend, wenn man bedenkt, dass wir in Deutschland ja zwei Energiesysteme gleichzeitig aufrecht- und funktionsfähig halten wollen.
Bis zum Jahr 2049 werden die gesamten Energiesystemkosten auf bis zu 5,4 Billionen Euro geschätzt, was einer fast Verzehnfachung der bisherigen Kosten entspricht (vgl. Frontier Economics 2025). Dies ist eine ungeheure und kaum (mehr) zu tragende Belastung für Unternehmen und Konsumenten und beeinträchtigt die Wettbewerbsfähigkeit und Leistungsfähigkeit unserer Unternehmen. Aktuelle Studien des ifo-Instituts und des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) zeigen, dass etwa ein Fünftel der industriellen Wertschöpfung in Deutschland direkt von Energiepreisen und Energiesicherheit abhängt (vgl. Schaller/ Schasching, 2024, und BDI/ BCG/ IW, 2023). So wurden folglich seit 2019 fast 500.000 Arbeitsplätze in der Industrie in Deutschland abgebaut. Im Jahr 2025 gingen in Deutschland 177.000 Industriearbeitsplätze in Deutschland verloren, davon allein 52.000 in der Automobilindustrie und ihren Zulieferern, 24.000 in der übrigen Metallindustrie und 28.000 im Maschinenbau (vgl. Ehlebracht 2026). Derzeit verlieren wir nach Aussage der Chefin der Bundesagentur für Arbeit, Andrea Nahles, monatlich 15.000 Industriearbeitsplätze.
Und auch der weiter angekündigte Beschäftigungsabbau ist alarmierend: Seit dem 1. Januar 2025 haben Unternehmen in Deutschland den Abbau von über 160.000 Arbeitsplätzen angekündigt (siehe: Alarmierender Stellenabbau in Deutschland – INSM). Aktuell ist vom Wegfall von bis zu 100.000 Arbeitsplätzen bei der Volkswagen AG die Rede (vgl. o.V. 2026a). Und die bayerischen Arbeitgeberverbände rechnen bis Ende 2027 mit dem Abbau von weiteren rd. 40.000 Arbeitsplätzen in der bayerischen Metall- und Elektroindustrie (o.V. 2026c). Mittlerweile sehen laut Deutscher Industrie- und Handelskammer rd. 41 Prozent aller Unternehmen und rd. 63 Prozent der Industrieunternehmen die hohen Energiepreise als Nachteil im internationalen Wettbewerb (vgl. DIHK 2025 und DIHK-Umfrage: 40 Prozent der Unternehmen sehen Energiewende als Belastung – INSM). Laut einer aktuellen Studie von McKinsey Global Institute baut Deutschlands Wirtschaft kaum noch zusätzliche Produktionskapazität auf; die Nettoinvestitionen liegen bei nur noch 0,2 Prozent des BIP und damit im internationalen Vergleich weit abgeschlagen und an letzter Stelle der relevanten Wettbewerbsländer (vgl. McKinsey 2026).