Von „Kipppunkten“ und „gewaltigen Sprüngen“ beim deutschen Klimaschutz

Von Frank Bosse

Es war sehr warm in Mitteleuropa in den letzten 6 Wochen. 
Anlass genug für so manches hitzige „Sommerinterview“ über Klimafragen und Klimaschutz. 

Eines führte „Der Standard“ mit Anders Levermann vom „Potsdam Institut für Klimafolgenforschung“ (PIK). 

Der eine oder andere wird sich erinnern: Levermann war auch ein Mitautor einer Studie zu „Kosten des Klimawandels“, die im Dezember 2025 peinlicherweise zurückgezogen werden musste wegen zu grober Fehler wie hier berichtet. Zu den verwendeten Temperaturprojektionen (wahrscheinlich der Levermann-Part an der Arbeit als Physiker und Klimawissenschaftler, nicht als Ökonom) hatten wir bereits kurz nach der Veröffentlichung ernste Zweifel angemeldet

Nun also ein Gespräch mit ihm zu den „berühmten“ Kipppunkten des Klimasystems. 

Geht es nach dem Leiter des Max- Planck- Instituts für Meteorologie in Hamburg Jochem Marotzke wäre es ziemlich unnötig, denn er sagte Ende 2023

„Insgesamt hält Marotzke den Fokus in der gesellschaftlichen Klimadiskussion auf die Kipppunkte für wenig zielführend.“

Die Existenz dieser „Kipppunkte“ und ein „freier Fall“ des Klimasystems danach sind hoch umstritten in der Wissenschaft.

Das kann Levermann jedoch nicht abhalten, genau diesen „freien Fall“ zu bemühen als “gesetzt” im aktuellen Interview:

 „Wenn wir einen Kipppunkt überschreiten, geht das System in einen anderen Zustand über. 
Manch einer mag denken, dass das System dann sofort kippt. Das Kippen passiert aber über Jahrzehnte. Dieser freie Fall ist dann nicht umkehrbar und bestimmt die nächsten Dekaden.“

Als Beispiele führt er an:     

                                   

„Manche Systeme befinden sich bereits jenseits ihrer kritischen Schwelle oder sehr nahe daran. 
In der Westantarktis und beim grönländischen Eisschild wurde die Temperaturschwelle schon überschritten.“

Wie sieht es aus mit der Temperaturentwicklung in der Westantarktis?

Hierzu seien die Trends der Temperaturen seit 1975 in der Antarktis gezeigt, wie sie die Reanalyse ERA5 bestimmt: 

Die Abbildung wurde mit dem KNMI Climate Explorer generiert. Die Skala zeigt °C/Jahr.

Es gibt da einige „Hotspots“ der Erwärmung, der Großteil der Westantarktis weist jedoch nur einen Trend auf, der halb so steil ist wie der in Deutschland, der 0,045 °C/Jahr beträgt. Woher genau weiß Levermann mit der ihm eigenen Sicherheit, dass „die Temperaturschwelle bereits überschritten ist“? 

Bei welchen Trends wäre sie es nicht? Woher kennt er bei den vielen Fragezeichen um die bloße Existenz dieser „Schwellen“ das erfolgte Überschreiten? 

Er scheint schlicht „hochzustapeln“ mit Gewissheiten, die es so nicht gibt! 

Schauen wir auf sein zweites Beispiel, den grönländischen Eisschelf. Ist er „im freien Fall“? 

Freier Fall bedeutet physikalisch: Die Geschwindigkeit nimmt über die Zeit quadratisch zu. Was sehen wir jedoch aktuell an der Oberfläche Grönlands? 

Quelle

Die Oberflächenmassenbilanz Grönlands weist dieses Jahr bisher praktisch keinen Massenverlust aus, etwas, was seit Anfang Juni dort jedoch regelmäßig festgestellt wird um über 50 Gt seitdem. Stattdessen: null in 2026!

Seit Ende Juni testen die täglichen Werte die obere Grenze der jemals seit 1980 gemessenen Bandbreite (grau) und überschritten sie erheblich zwischen dem 09.07 und 15.07.2026 mit Eisgewinn statt -verlust. 

Was will uns also Levermann mit „freier Fall“ sagen? Doch mit “temporärer Bremse”? 
Dann ist der Fall nicht “frei”!

Gibt es den überhaupt in Grönland nach einer „Schwelle“? 

Diese Arbeit aus 2023 widerspricht vehement: Man kann die “Schwelle” gewaltig (um real völlig unplausible 6 Grad global) überschreiten, ohne „herunterzufallen“ wenn das kein langer Dauerzustand ist für mehrere Jahrhunderte:

 “GrIS loss can be substantially mitigated, even for maximum GMTs of 6 °C or more above preindustrial levels, if the GMT is subsequently reduced to less than 1.5 °C above preindustrial levels within a few centuries.”

Aber Levermann ist sich ganz sicher, dass wir in Grönland schon über das Cliff hinaus sind und frei fallen! Da und in der Westantarktis ist das bei Licht reine Spekulation, um später dramatisch zu warnen. Das ist jedoch nicht die Rolle von Wissenschaft. Sie hat zu kommunizieren was ist, mit Angabe von Unsicherheiten, wenn das erforderlich ist. In welcher Rolle handelte Levermann ein weiteres Mal? Meint er, mit solcher Art von „Angstmache“ zusätzliche Anhänger zu gewinnen? Das ist definitiv nicht so! 

Das zweite Interview wurde mit dem Deutschen Umweltminister Carsten Schneider im „Spiegel“ geführt, hinter der Bezahlschranke.

Wie oft üblich im Sommer geht es zunächst um die Hitze und den „Wassermangel“. 
Das sind inzwischen Rituale und kaum noch eines Kommentars wert. Es ist auch nichts, was ein Minister gewaltig beeinflussen könnte. Also eigentlich überflüssig. 

Wirklich bedenklich wird es später, als er zu Klimazielen sagt:

„Schauen Sie auf das große Bild: Wir haben ein ambitioniertes Ziel, der CO₂-Ausstoß soll bis 2030 um 65 Prozent gegenüber 1990 sinken. Derzeit sind wir bei 48 Prozent Reduktion, und ich sage Ihnen, dass wir die 65 Prozent schaffen werden. Mit den zusätzlichen Milliarden aus dem Klimaschutzprogramm, zwölf Gigawatt zusätzlichem Windstrom und dem neuen Förderprogramm für Elektroautos, das stark nachgefragt wird. Das wird ein gewaltiger Sprung.“

Da ist ein Ziel: Die Reduktion des CO2-Ausstoßes um weitere 17% in nur 4 Jahren! Wir hatten hier gezeigt, dass es seit 8 Jahren bei der Schlüssel- Technologie Energieerzeugung (u. a. für Elektroautos und Wärmepumpen entscheidend) nicht signifikant voran geht beim entscheidenden Emissionsfaktor. Der Minister nennt auch ein vermeintliches Instrument dafür: 12 weitere GW an Windkraftanlagen. Er meint damit Installationen. Im Beitrag vom 16.07. 2025 hatten wir auch gezeigt, dass im Sommerzeitraum davon im Mittel nur 15% wirksam werden können. Im Winter wird das freilich mehr, über das Gesamtjahr kann man mit ca. 23% Wirksamkeit im Mittel rechnen. 

Da soll also die Windkraft von nun 78 GW installierter Leistung auf 90 GW verstärkt werden bis 2030, das sind dann +15%. An produzierter Leistung kommen dann ganze 3,5% davon im Netz an. Das ist lächerlich für das ambitionierte Ziel! Was hat der Minister sonst noch an Technologie? „Milliarden aus dem Klimaschutzprogramm“ bezeichnet nur den Aufwand, keine Lösung. Die zusätzlichen 12 GW-Windkraftinstallationen sind da das einzige, das er nennt. Er kann selbst im Kopf ausrechnen, dass das Ziel damit illusorisch ist.  

Einzig mögliche Erklärung: Es ist selbst ratlos und bemüht nun einen imaginären „Sprung“ wie einst die DDR, die die BRD “überholen, ohne einzuholen” wollte und natürlich nie konnte.

Kein gutes Zeichen für einen Minister. 

Zwei Interviews, die ein Schlaglicht auf den Zustand der Klimaforschung á la PIK werfen und den Zustand der „Energiewende“, die nur ein „weiter so“ kennt, auch wenn der Weg erkennbar ins Nichts führt.   

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