Das Plastikmeer von Almería: Europas grünes Gewissen auf Plastikfüßen

Eine der größten von Menschen geschaffenen Strukturen aus dem All sichtbar – und sie versorgt Deutschland mit Wintergemüse

Wenn NASA-Satelliten auf die spanische Provinz Almería blicken, sehen sie etwas Ungewöhnliches: Eine weiße, reflektierende Fläche, die sich über 33.000 Hektar erstreckt – etwa die Größe Maltas. Nein, es ist keine Schneedecke in Südspanien. Es sind Gewächshäuser. So viele Gewächshäuser, dass sie aus dem Weltraum besser sichtbar sind als die Chinesische Mauer.

Willkommen im „Mar de Plástico“ – dem Plastikmeer, Europas Gemüsefabrik und einem der komplexesten Widersprüche moderner Landwirtschaft.

Ein Wirtschaftswunder unter Plastikplanen

Die Zahlen sind beeindruckend: Auf gerade einmal 0,24 Prozent der spanischen Agrarfläche produziert Almería jährlich zwischen 2,5 und 3,5 Millionen Tonnen Obst und Gemüse. Das entspricht acht Prozent der gesamten landwirtschaftlichen Wertschöpfung Spaniens. Ein Drittel davon landet in deutschen Supermärkten. Wer im Januar eine „frische“ spanische Tomate kauft, hält mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Produkt aus diesem Plastikmeer in den Händen.

Die Region, die in den 1960er Jahren noch eine der ärmsten Spaniens war, erlebt ein „Wirtschaftswunder“. Familienbetriebe, deren Großeltern als Tagelöhner in den Bergen lebten, besitzen heute profitable Gewächshausanlagen. Die intensive Landwirtschaft beschäftigt geschätzt 100.000 Menschen.

Ein paradoxer Klimaeffekt

Hier wird es paradox: Die Gewächshäuser haben tatsächlich zu einer lokalen Abkühlung geführt. Zwischen 1983 und 2006 stieg die Albedo – das Reflexionsvermögen der Oberfläche – um fast zehn Prozent. Die weißen Plastikdächer werfen so viel Sonnenlicht zurück ins All, dass die Region um 0,3 Grad Celsius pro Jahrzehnt kühler wurde, während die Umgebung um 0,5 Grad wärmer wurde.

Almería ist damit einer der wenigen dokumentierten Orte weltweit, wo menschliche Aktivität zu einer messbaren lokalen Klimakühlung geführt hat – allerdings versehentlich, während gleichzeitig eine Umweltkatastrophe geschaffen wurde.

Die Schattenseite des Wirtschaftswunders

Doch hinter den reflektierenden Planen verbirgt sich eine andere Realität. Die, über die beim Kauf der Bio-Paprika im Supermarkt niemand spricht.

Prekäre Arbeitsbedingungen: Zwischen 80.000 und 120.000 Menschen arbeiten in der Region, viele davon Migranten aus Marokko und Subsahara-Afrika. Schätzungsweise 20.000 bis 40.000 besitzen keinen regulären Aufenthaltsstatus. Der gesetzliche Mindestlohn liegt bei etwa 44 Euro pro Tag. In der Realität erhalten viele Arbeiter zwischen 20 und 35 Euro – bei Temperaturen von bis zu 50 Grad Celsius unter den Plastikplanen. Oft gibt es keine festen Verträge, Löhne werden monatelang nicht ausgezahlt.

Die Arbeiter leben in sogenannten „Chabolas“ – selbstgezimmerten Hütten aus Holz, Draht und Plastikplanenresten direkt zwischen den Gewächshäusern, oft ohne Wasser und Strom. Gewerkschaften und Menschenrechtsorganisationen bezeichnen diese Bedingungen teilweise als „moderne Sklaverei“, auch wenn die rechtliche und soziale Situation komplexer ist.

Wasserproblematik: Was einst als reichlicher Grundwasserspeicher galt, ist heute fast erschöpft. Die Region nutzt etwa 80 Prozent ihrer Grundwasservorräte für die Bewässerung. Vor 25 Jahren warnte ein Hydrologie-Professor noch vor dem Kollaps. Der wurde nur durch den massiven Bau von Meerwasserentsalzungsanlagen abgewendet – die etwa 20 Prozent des Bewässerungswassers liefern und drei Kilowattstunden Strom pro Kubikmeter Wasser verbrauchen. Das Grundwasser ist stellenweise mit Pestiziden kontaminiert und ungenießbar.

Plastikmüll ohne Ende: Die Plastikfolien müssen alle drei bis fünf Jahre ersetzt werden. Offiziell wird die Gewächshausfolie zu 100 Prozent recycelt – sie hat einen Restwert und wird von spezialisierten Firmen aufgekauft. Die Realität sieht anders aus: An Straßenrändern wehen Plastikfetzen im Wind, in Flussbetten stapeln sich Schichten alter Folien. Die Konzentration an Mikroplastik im Mittelmeer vor der Küste Almerías steigt stetig.

Die Doppelmoral der Debatte

Und jetzt kommen wir zum Kern: Während in der Klimadebatte gerne auf extensive Weidehaltung in Schottland oder Irland gezeigt wird, essen wir im Januar gedankenlos Tomaten aus einer industriellen Plastikfabrik, in der Menschen unter Bedingungen arbeiten, die in Deutschland undenkbar wären.

Die „frischen“ Bio-Tomaten aus Almería haben einen CO₂-Fußabdruck durch Transport, Bewässerung mit entsalztem Meerwasser und die Plastikproduktion. Doch sie tragen ein EU-Bio-Siegel – weil die EU-Öko-Verordnung deutlich weniger strenge Anforderungen stellt als deutsche Bio-Verbände wie Demeter oder Bioland. Etwa zehn Prozent der Betriebe sind inzwischen bio-zertifiziert, doch das ändert wenig an der grundsätzlichen Problematik.

Die technologische Gegenwehr

Fairerweise muss gesagt werden: Die Branche hat reagiert. Rund 90 Prozent der Gewächshäuser setzen heute auf biologische Schädlingsbekämpfung mit Nützlingen statt auf Pestizide – schlicht weil es billiger ist. Tropfbewässerung und digitale Feuchtigkeitsmessung minimieren den Wasserverbrauch. Die Region nutzt nur 1,8 Prozent des landesweiten Bewässerungswassers für acht Prozent der Wertschöpfung – das ist effizient.

Aber effizienter Ressourceneinsatz macht ein grundsätzlich problematisches System nicht nachhaltig.

Was das mit uns zu tun hat

Die eigentliche Frage ist nicht, ob Almería gut oder schlecht ist. Die Frage ist: Warum verlangen wir im Januar frische Tomaten?

Wir haben ein System geschaffen, in dem „frisches Gemüse das ganze Jahr“ als selbstverständlich gilt. Ein System, das Umweltkosten externalisiert, Arbeitskräfte ausbeutet und dann mit einem Bio-Siegel versehen wird, weil keine synthetischen Pestizide verwendet wurden.

Das Plastikmeer von Almería ist nicht das Problem. Es ist das Symptom.

Ein Symptom für eine Konsumgesellschaft, die saisonale Ernährung als Zumutung empfindet. Die im Dezember Erdbeeren will und im März Spargel. Die „regional“ und „bio“ auf dem Etikett liest und sich gut fühlt, während in Südspanien Menschen in Plastik-Slums hausen.

Die unbequeme Wahrheit

Almería zeigt uns, was passiert, wenn Effizienz über alles gestellt wird. Wenn nur zählt, dass die Tomaten pünktlich und billig im Supermarkt liegen. Wenn wir Umweltprobleme in andere Regionen verlagern und dann überrascht sind, dass dort die Standards nicht unseren entsprechen.

Die Gewächshäuser sind aus dem Weltraum sichtbar – unsere Verantwortung dafür sollte es auch sein.


Quellen: NASA Earth Observatory, Universidad de Almería, Bundeszentrale für politische Bildung, diverse Fachliteratur zu landwirtschaftlichen Arbeitsbedingungen in Südspanien

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