Die seltsam aggressiven Botschaften

In Anlehnung an den Titel einer neuen Spiegel-Kolumne des Spiegel-Mitarbeiters Christian Stöcker haben wir die Überschrift bewusst gewählt. Stöcker mokiert sich heftig über den Bericht des Bundesrechnungshofs und versucht sein Heil in der Qualifikation bestimmter Akteure. Dabei biegt er aber schon früh falsch ab. Den Behördenleitern Müller und Messner bescheinigt Stöcker nämlich höchste Kompetenz, dem Behördenleiter Scheller hingegen nicht. Man kann sich darüber streiten, ob ein Volkswirt (Müller), ein Politikwissenschaftler (Messner) oder ein Jurist (Scheller) besser geeignet sind, die Energiewende zu beurteilen. Von Haus aus ist keiner der drei Protagonisten ein Spezialist, auch wenn Stöcker das Stein und Bein behauptet. 

Das Schöne an der Arbeitswelt ist, dass man sich für alles Mitarbeiter, extern oder auch intern holen kann, die das nötige Fachwissen haben, um Dinge zu beurteilen. Das machen Müller und Messner auch so. Irgendwie hat Stöcker Scheller die Majestätsbeleidigung am deutschen Weg durch den Bericht jedenfalls nicht verziehen und in der Wut über den Bericht des Rechnungshofes kann man schon mal über Einleitung hinweglesen. 

“Die Energiewende ist ein zentrales Zukunftsprojekt der Bundesregierung. Sie soll nicht nur einen Beitrag zum Klimaschutz leisten, sondern auch Deutschlands Importabhängigkeit von fossilen Energieträgern verringern. Die Bundesregierung sieht daher in der Nutzung erneuerbarer Energien ein überragendes öffentliches Interesse. Sie hat ihrem Ausbau in der Abwägung mit anderen Schutzgütern Vorrang eingeräumt, bis die Stromerzeugung nahezu treibhausgasneutral ist. Über die Versäumnisse der damaligen Bundesregierung bei der Energiewende haben wir zuletzt im Jahr 2021 berichtet (mehr dazu hier). Seitdem haben sich die Risiken in allen Bereichen der Energiepolitik verschärft.” 

Am Ende kommt, was kommen muss. Die Frau von Scheller, dem Chef des Rechnungshofes, ist nämlich schuld. Die ehemalige Lobbyisten von Gazprom hat ihrem Mann den Bericht demnach ins Ohr geflüstert. Dass sie schon seit 2019 nicht mehr dort tätig ist und die Chancen Deutschlands jemals wieder in die Abhängigkeit von russischem Gas zu geraten täglich sinken, spielt dabei keine Rolle. Kontaktschuld gilt halt lange. Es ist auch unerheblich, dass in dem Bericht nicht einmal die Rückkehr zu der Situation vor dem Angriffskrieg gegen die Ukraine gefordert wird, es wird halt einfach mal reichlich Dreck geworfen in der Hoffnung, dass irgendwas hängen bliebt. 

Verschwörungtheorien sind ein Steckenpferd von Stöcker.  Wir haben hier schon mal über seine KKR-Theorie geschrieben. Er enttäuscht seine Fans auch bei dem neuen Artikel nicht. Den schmalen Grat zwischen Aktivismus und Journalismus hat die Welt Anfang 2023 beschrieben und ganz explizit Bezug auf Stöcker und dessen Rolle genommen. Der war sich keiner Schuld bewusst, hatte aber vielleicht auch nur ein schlechtes Gedächtnis?  

Wer weiß schon, dass Stöcker bis Ende 2022 in Diensten des Reeders Rickmers stand. Der hatten einen Thinktank (The New Institute) gegründet und es liegt nahe, dass er damit seine Investitionen in Grüne Technologie absichert. Für besagtes Institut war Stöcker tätig. So weit scheint der Professor für Kognitive Psychologie es aber dann nicht erkannt zu haben, wessen Herren er da eigentlich diente. Das ist aber im besten Fall naiv, möglicherweise aber auch dumm oder dreist.  

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Da kommt etwas auf uns zu. Der Focus über Pläne das Erdgasnetz “Umzubauen”.  

“Im Laufe der kommenden 20 Jahre müssen viele Mieter und Eigentümer ihre Gasheizungen wohl aufgeben. Der Grund: Laut einem 23-seitigen Papier des Wirtschaftsministerium mit dem Titel „Transformation Gas/Wasserstoff-Verteilernetze“ will die Regierung die Gasnetze bis 2045 drastisch zurückbauen. Konkret heißt es laut „Bild“-Zeitung: „Gasverteilernetze für die bisherige Erdgasversorgung werden dann in der derzeitigen Form und Umfang nicht mehr benötigt.Heißt für Millionen Gaskunden: Irgendwann bleibt das Gas aus. Somit werden Millionen Mieter und Eigentümer mit Gasheizungen im Laufe der nächsten 20 Jahre umrüsten müssen. Den Bürgern soll laut „Bild“ “hinreichend Zeit“ gegeben werden, um sich auf die Umstellungen vorzubereiten und zu reagieren. Auch finanzielle Hilfen soll es geben. Ein genauer Zeitplan ist derzeit aber noch nicht abgesteckt.” 

Ein Aspekt wird hier aber komplett übersehen. Mit dem Wegfall des Gasnetzes werden viele, vor allem lokale Energieversorger auch das Geschäftsmodel verlieren. Es gibt zahlreiche Stadtwerke, die über die Energieversorgung den Öffentlichen Personennahverkehr gegenfinanzieren. Das dürfte mit immer weniger Gaskunden schwer werden. 

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Die Wirtschaftswoche über die Torfindustrie in Deutschland: 

“Doch der Torfabbau steht auch für ein großes Klima-Problem. Denn er wird trockengelegten Mooren entnommen. Intakte Moore binden besonders viel CO2. Laut der Bundesregierung speichern die deutschen Moore so viel CO2 wie alle deutschen Wälder zusammen, obwohl die Moore nur etwa fünf Prozent der Landfläche einnehmen. Wenn Moore trockengelegt werden, wird der Kohlenstoff freigesetzt. Das passierte in der Vergangenheit sehr, sehr häufig: Nach Angaben der Bundesregierung sind heute 90 Prozent der Moore in Deutschland entwässert und verursachen jedes Jahr etwa 53 Millionen Tonnen CO2-Emissionen – das sind 7,5 Prozent der deutschen Gesamtemissionen.” 

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Seegras und Kohlenstoffspeicherung. Radio Bremen über ein Projekt in Italien. 

“In einem Großprojekt sollen die Lebensräume vor der italienischen Mittelmeerküste kartografiert werden. Die Projektleitung übernimmt Fugro Bremen, eine Tochterfirma des niederländischen Unternehmens Fugro. Zum Kerngeschäft gehören die Erhebung und Analyse von Geodaten. Der Auftrag lautet nun, vor allem die Seegrasbestände zu erfassen. Dafür stehen insgesamt 400 Millionen Euro zur Verfügung.  

Wie das Unternehmen auf Anfrage mitteilt, spiele Seegras bei der Bekämpfung des Klimawandels eine wichtige Rolle: Die unscheinbaren Unterwasserpflanzen binden demnach 35-mal schneller Kohlenstoff als die tropischen Regenwälder. Obwohl sie nur 0,2 Prozent des Meeresbodens bedecken, sollen sie für zehn Prozent der gesamten Kohlenstoffspeicherung im Wasser verantwortlich sein. Zudem bieten Seegraswiesen vielen Fisch-, Krebs- und Weichtieren einen Lebensraum.” 

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Daniel Wetzel in der WELT:

E.ON-CHEF: „Müssen uns ehrlich machen“– wichtigster Netzbetreiber fordert Ausbaubremse für Ökostrom

Nach dem Bundesrechnungshof kritisiert nun auch der Chef von Deutschlands wichtigstem Netzbetreiber E.on den Stand der Energiewende. Die Transformation werde sehr teuer werden. Um die Kosten einzugrenzen, macht er einen weitreichenden Vorschlag, der für die Ampel jedoch heikel wäre.

Im Streit zwischen Bundesrechnungshof und Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) liefert E.on-Chef Leonhard Birnbaum der kritischen Aufsichtsbehörde weitere Argumente. Der Vorstandsvorsitzende des wichtigsten Betreibers von Strom- und Gasnetzen in Deutschland sieht den Stand der Energiewende offenbar ähnlich kritisch wie der Rechnungshof.

Weiterlesen in der WELT

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Universität Bayreuth, Pressemitteilung Nr. 031/2024, 15.3.2024:

Globale Klimadatenbanken arbeiten mit falschen Daten für die Tropen

Exakte Klimadaten sind für Vorhersagen und Modellierungen des Klimawandels immens wichtig. Anhand eines einzigartigen Klimadatensatzes von 170 Stationen, hauptsächlich aus den Gebirgen in Tansania einschließlich des Kilimandscharo, zeigt Dr. Andreas Hemp, Forscher am Lehrstuhl für Pflanzensystematik der Universität Bayreuth, dass die üblicher Weise genutzten Datensätze ungenau sind. Welche Daten geeigneter sind, das zeigt Hemp in einer aktuellen Veröffentlichung in der Fachzeitschrift PLOS ONE.

What for?

Um die Verbreitung von Arten, aber auch die Ökosystemfunktionen und -dienstleistungen zu verstehen, sind Klimadaten erforderlich. Die Erhebung solcher Klimadaten ist kein Selbstzweck, sondern Voraussetzung für andere Forschungen rund um den Klimawandel. Daher hat Dr. Hemp mit Kollegen aus dem Senckenberg-Forschungsnetzwerk „Kili-SES“, an dem auch die Universität Bayreuth beteiligt ist, ein in diesem Umfang für entlegene tropische Gebirgsregionen einzigartiges Netzwerk von Klimamessstellen eingerichtet. Genauere Abschätzung, welche Klimaveränderung welche Folgen haben wird, sind dadurch möglich.

Globale Klimadatensätze wie WorldClim und CHELSA, die in der Forschung weite Anwendung finden, beruhen auf Interpolation, also der Schätzung (Modellierung) unbekannter Werte auf Basis von bekannten Daten. Und sie beruhen auf wenigen Daten, da Wetterstationen in tropischen Gebirgen selten sind. Die Folge: Nicht nur die maximale Menge des mittleren Jahresniederschlags in den Tropen wird drastisch unterschätzt, sondern auch die Höhenlage des Niederschlagsmaximums weicht stark von den tatsächlichen Gegebenheiten ab. So liegt am Kilimanjaro das Niederschlagsmaximum mit 3300 mm in 1920 m Meereshöhe (Mittelwert aus über 10 Messjahren). Die entsprechenden modellierten Werte der beiden Klimadatenbanken weichen hiervon mit 1900 mm und 1500 mm in 1400 m und 2770 m Meereshöhe drastisch ab. Ähnlich hohe Diskrepanzen wurden auf den 15 anderen untersuchten Bergen Tansanias festgestellt. Das ist für die Erforschung der Ursachen von Artverbreitungsmustern bedeutsam. So folgt beispielsweise die Verbreitung bestimmter Artengruppen am Kilimanjaro wie die der Farne oder der Epiphyten (sog. Aufsitzerpflanzen) ganz klar der gemessenen Niederschlagsverteilung mit dem Maximum bei 1900-2000 m Meereshöhe. Bei Zugrundelegung der modellierten Daten mit ihren falschen Maxima ist dieser Zusammenhang nicht erkennbar.

„Ebenso liegen Modellierungen von künftigen Arealverschiebungen von Arten im Zusammenhang mit bevorstehenden Klimaveränderungen entlang dieses Höhengradienten völlig daneben“, sagt Dr. Andreas Hemp, Forscher am Lehrstuhl für Pflanzensystematik der Universität Bayreuth. „Auch Berechnungen der gesamten Niederschlagsmenge, die z.B. der Waldgürtel erhält und als Grundwasser und Oberflächenabfluss der tiefer liegenden Kulturlandzone mit ihren 1,4 Millionen Menschen zur Verfügung stellt, kommen mit den WorldClim oder CHELSA-Daten zu völlig falschen Ergebnissen: Das ist fatal, angesichts der Wichtigkeit solcher Daten.“ Da anzunehmen ist, dass es ähnliche Abweichungen auch in den anderen tropischen Gebirgen gibt, in denen mangels existierender Messstellen zumeist mit globalen Klimadatensätzen gearbeitet wird – wie an den vielen hundert Publikationen der letzten Jahre abzulesen – ist die Aussagekraft solcher Studien zumindest teilweise in Frage zu stellen.

„Unsere Ergebnisse zeigen, dass globale Klimadatensätze zumindest in tropischen Regionen mit größerer Vorsicht verwendet werden sollten als bisher“, sagt Dr. Hemp. Er betont die Bedeutung besserer Daten: „Die Tropen sind Hotspots der biologischen Vielfalt und sind daher von hohem ökologischen Interesse. In der PLOS ONE-Veröffentlichung zeigen wir, dass insbesondere in Gebirgen mit starken Höhengradienten – also mit steilen Hängen und tiefen Tälern sowie großen Höhenunterschieden – , entlang derer sich das Klima sehr schnell und kleinräumig ändert, die Erhebung eigener Daten sehr wichtig ist, da modellierte Daten hier offensichtlich versagen.“

Seit 1996 erforscht Hemp mit Kolleg*innen in zahlreichen DFG-Projekten die Artenvielfalt am Kilimanjaro und seinen umliegenden Gebieten in Ostafrika, seit 2010 im Rahmen einer interdisziplinären Forschungsgruppe. Er hat ein in diesem Umfang für entlegene tropische Gebirgsregionen einzigartiges Netzwerk von Klimamessstellen eingerichtet. Andreas Hemp leitet gemeinsam mit Katrin Böhning-Gaese (Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrum) und Markus Fischer (Universität Bern) die DFG-geförderte Forschergruppe „Kili-SES“, die die Wechselwirkungen zwischen Mensch und Natur in der Kilimanjaro-Region analysiert. An der Datenanalyse für die vorliegende Studie war auch Judith Hemp beteiligt.

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