Karsten Schwanke versucht aufzuklären 

Von Frank Bosse 

In den Tagesthemen vom 11.3. 2024 war Karsten Schwanke wieder in seinem Element. Der Anlass diesmal: der EAA-Report über Risiken des Klimawandels für Europa, hier ist die „Executive Summary“ dieses Berichts. Das Video des 3- minütigen Auftritts gibt es hier. Es sei hier über die ersten Minuten berichtet, manches gibt es zu ergänzen, damit jeder Zuseher das auch richtig einordnen kann. Bis Min 0:27 erklärt Karsten Schwanke (KS im Folgenden), dass wir in Europa den Klimawandel deutlich „mehr zu spüren bekommen als im globalen Mittel“. Er unterlässt jede weitere Erklärung. Deshalb sei sie hier nachgereicht.  

Zunächst wirkt der Temperaturantrieb überall auf der Erde gleich. Was die Unterscheidung macht, das sind die Auswirkungen, hier der Temperaturanstieg. Das globale Mittel ist dadurch gekennzeichnet, dass da zu 70% Ozeane eingehen. Diese können bei Erwärmung immer unbegrenzt Wasser verdunsten. Verdunstung jedoch kühlt den Ozean. Bei Landflächen ist das anders, da sind kaum Wasserreserven und die Verdunstung ist recht limitiert. Die Kühlung dadurch entfällt also schnell und deshalb erwärmt sich Land (besonders trockene Gegenden) deutlich schneller als Ozeane. Die globalen Erwärmungstrends für Land und Ozeane:  


Die Trends von 1980-2022(2023) für Landflächen (oben) und Ozeane (unten) in °C/Jahr. Die Unterschiede sind augenfällig. Ebenfalls gut zu erkennen: Schaut man die Landflächen an, so ist Europa überhaupt nicht sehr besonders. Das Bild wurde mit dem KNMI Climate Explorer erzeugt. Bei den Oberflächentemperaturen der Ozeane (SST für Sea Surface Temperatures) erkennt man ebenfalls, dass sich große Teile des Ostpazifiks gar nicht erwärmt haben. Das hängt mit einem bisher nicht vollständig gelösten Rätsel der Klimawissenschaft zusammen: Die Muster der Erwärmung oder „Pattern Effekt“. Wer dazu mehr wissen will dem sei dieser Artikel anempfohlen. Es ist nun wohl klar, was KS meinte: Europa, wie alle Landflächen, erwärmt sich im Mittel ca. doppelt so schnell als der globale Mittelwert, und zwar allein dadurch, dass es (darüber sollten wir als Landbewohner sehr froh sein) eine Landfläche ist.  

Weiter im Text von KS: Bis Min 1:00 zeigt er globale Erwärmungsszenarien und legt dann Teile einer Graphik des oben verlinkten EAA-Berichtes darüber. Das ist die Originalgraphik für die Erwärmung von Europa:

 

Hier sind die Erklärungen nicht abgeschnitten wie im Video und man kann die „Szenarien“ einordnen. Sie unterscheiden sich durch den im für 2100 angenommenen Klimaantrieb, das sind jeweils die hinteren Zahlen. Von unten oben nimmt der zu, von „2.6“, das bedeutet: in 2100 werden wir einen zusätzlichen Antrieb von global 2,6W/m² sehen, bis „8.5“, also 8,5 W/m² durch zuvorderst anthropogene Antriebe. Man sollte wissen, dass wir bereits gegenwärtig bei 3,0 W/m² stehen, die 2,6 in 2100 also kaum realistisch sind. Auch das Szenario 8,5 W/m² ist nach dem Sachstand der Literatur unrealistisch, weil zu hoch gegriffen. Es wurde ursprünglich nur für Modellexperimente entwickelt, nie für die reale Welt. Die gegenwärtigen Entwicklungen bei der Treibhausgasvermeidung etc. zeigen auf das 4,5W/m² Szenario in 2100 als das wahrscheinlich eintretende. Mit diesem Input schaut man auf die Abbildung und findet knapp 4°C zusätzliche Erwärmung für Europa als zentralen Wert, wobei davon bereits 2°C in 2023 eintraten, also ab nun noch 2°C mehr bis 2100 zu erwarten sind. Auch ein sehr pessimistischer Ansatz (6 W/m² Antrieb) im Angesicht der gegenwärtigen Politik wird nicht mehr als ein weiteres Grad C hinzukommen lassen.  

KS jedoch deutet mit einem panischen Gesichtsausdruck bei 0:58 Min: 

(Abbildung: Screenshot ARD-Mediathek) 

auf den Bereich „6-7°C”, also 2°C zu hoch, wenn man realistische Szenarien benutzt. Er geht dann ab 1:03 Min auf die Sommertemperaturen, insbesondere Hitzewellen -Temperaturen ein. Er zeigt eine Graphik der modellierten Höchsttemperaturen dazu:  

(Abbildung: Screenshot ARD-Mediathek) 

Er meint, dass wir uns an der oberen Kante orientieren müssten, weil wir ja irgendwo in Deutschland schon irgendwo 40°C gesehen hätten und führt dann aus, dass es einige Modelle gibt, die „sogar bei 48-49°C in Deutschland liegen könnten“. Ein wahrhaft freizügiger Umgang mit dem Begriff “Deutschland” als Fläche (so meint es die von ihm gezeigte Graphik) und einzelnen lokalen Werten, die er erwähnt! Kein Grund also da nach ganz oben in der Bandbreite zu zeigen. Eine Auswertung der Maximaltemperaturen bis 2022 für Sachsen- Anhalt (Gebietsmittel) dazu, sie zählt die Anzahl der Tage im jeweiligen Jahr, die über einem Schwellenwert der Maximaltemperaturen liegen: 

Klar zu erkennen, dass es so heiße Tage schon immer gab. 1943 zählte man einen Rekord mit vier, gemeinsam mit 2022. Was auch auffallen muss, ist die Häufung nach 1990. Es werden eindeutig mehr heiße Tage nach diesem Zeitpunkt. Das ist in der Tat Klimawandel. Und es gab tatsächlich einen einzigen Tag mit mehr als 38°C, der lag in 2022. Tage mit höheren Maximaltemperaturen als 37°C gab es überhaupt nicht vor 1990. Hitze ist also schon gehäuft zu erwarten mit weiterer Erwärmung. Nur sind eben die 49°C offensichtlich sehr übertrieben und nur mit sehr unwahrscheinlichen Modellannahmen errechnet.  

Den Rest des Vortrages kann sich der interessierte Leser gerne im Video ansehen. Ich ließ es damit bewenden, als KS uns Zuseher (in Deutschland) mit „Wir hätten es in der Hand“ ansprach. Er übertreibt nun auch noch unsere Macht über die globalen Klimaantriebe.     

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