Patrick Graichen: Wir haben uns geirrt bei der Energiewende

Zugegeben, diese Aussage stammt aus dem Jahr 2014 und ein Artikel in der Zeit fasst Graichens Worte zusammen. Die Frage ist, hat sich irgendetwas geändert seitdem? 

“Graichen sagt, kurz gefasst: Wir haben uns geirrt bei der Energiewende. Nicht in ein paar Details, sondern in einem zentralen Punkt. Die vielen neuen Windräder und Solaranlagen, die Deutschland baut, leisten nicht, was wir uns von ihnen versprochen haben. Wir hatten gehofft, dass sie die schmutzigen Kohlekraftwerke ersetzen würden, die schlimmste Quelle von Treibhausgasen. Aber das tun sie nicht.” 

Es muss ohnehin verschiedene Arten von Strom aus Kernenergie geben. Der aus Deutschland hat die Netze verstopft, der aus Frankreich flutscht nur so durch. Ein Chart von Agora Energiewende mit dem Import und Export seit dem Ausstieg Deutschlands aus der Kernenergie. Gut zu erkennen die Salden. Nur an wenigen Tagen wurde Strom exportiert, an den meisten wurde importiert. In der Spitze 15 GW am 03.05.2023. 

Für Frankreich betrachtet sieht die Kurve so aus: 

Man könnte auch sagen, die französischen Kernkraftwerke ersetzen gerade die deutschen. 
Da verstopft auch nichts. 

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Stichwort Patrick Graichen. Nun rücken offenbar auch eher ihm zugeneigte Medien von ihm ab. Ein Beispiel ist die Frankfurter Rundschau

“Das ZDF nennt auch das Ehepaar Felix Matthes und Regine Günther. Ersterer arbeitet im selben Freiburger Öko-Institut wie Graichens Geschwister Jakob und Verena. Das Institut arbeitet ebenfalls im Auftrag des Wirtschaftsministeriums. Im Juli 2022 beauftragte Habecks Ministerium ein Monitoring der Energiewende, offiziell wurde dieses an eine „unabhängige Kommission“ aus „vier renommierten Energieexpertinnen und -experten“ vergeben. Die Klimaschutz-Expertin Günther war bis 2021 Verkehrs- und Umweltsenatorin in Berlin, zuvor arbeitete sie beim WWF. Sie sitzt in der Geschäftsführung der „Stiftung Klimaneutralität“.” 

Die Tagesschau berichtet über die Trauzeugen-Affäre: 

“Längst geht es in der „Trauzeugen-Affäre“ um mehr als den Fehler eines Staatssekretärs. Das Ganze wird zunehmend brenzlig für Minister Habeck und seine Pläne für eine Energiewende. Die Union erhöht den Druck. […] Für Robert Habeck ist die „Trauzeugen-Affäre“ längst zu einer politisch hochbrisanten Angelegenheit geworden. Es geht um den Verdacht der Vetternwirtschaft in seinem Ministerium. Grüner Filz – ausgerechnet bei der Partei, die in den Augen ihrer Kritiker doch so gerne als Moralapostel daherkommt. […] Der CDU-Abgeordnete Tilman Kuban sagte der Nachrichtenagentur dpa: „Das Wirtschaftsministerium muss Hüter der sozialen Marktwirtschaft sein und darf nicht den Anschein eines grünen Selbstbedienungsladens erwecken.“ Zumal Habeck ja stets betont habe, sich gegen jede Form von Korruption und für Transparenz einzusetzen. Jetzt wolle man helfen, die „Vorgänge in seinem Ministerium aufzuklären“. „Ich hoffe, dass Patrick Graichen es schafft, die im Raum stehenden Anschuldigungen auszuräumen.“ Sollte das nicht gelingen, brachte die CDU-Abgeordnete Gitta Connemann einen Untersuchungsausschuss ins Spiel. „Eine Sondersitzung des Bundestagsausschusses für Wirtschaft kann nur der Anfang sein“, sagte die Chefin der Mittelstandsunion (MIT) dem „Spiegel“. „Sollte es nicht zu einer umfassenden Aufklärung über Verstrickungen, geflossene Zahlungen und Postenvergaben kommen, ist ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss unumgänglich, der Licht ins Dunkel bringt.“ Dieser „grüne Filz“ müsse beseitigt werden, stellte auch CSU-Generalsekretär Martin Huber klar.” 

Täglich kommen neue Dinge ans Licht. 

Nach Angaben des Handelsblatts soll Graichen versucht haben, 60 Mitarbeiter von der deutschen Energieagentur abzubeordern. Der übliche Weg schien ihm möglicherweise zu schwer, denn dafür gibt es Haushalte und Planungen. Die dena wies das zurück, offenbar war man sich dort der Brisanz bewusst. Der Artikel steht hinter einer Bezahlschranke.  

Im Heute Journal kommentierte Theo Koll die Causa Graichen. Er monierte, dass Graichen Probleme mit seinem inneren Kompass hat. Auch die Heizungswende kommentierte er: 

“Die Heizungswende hängt am Hals der Grünen wie ein alter schwerer Radiator.” 

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Erst kürzlich berichteten wir über das Unternehmen Ökoworld. Nun ist Ökoworld von dem Vorhaben, die Strafen für die sogenannten Klimakleber zu zahlen abgerückt. Vielleicht hat die Rechtsabteilung des Unternehmens den Vorstandvorsitzenden die Lage erklärt. RND dazu: 

“Nachträglich erklärte Platow seine Ankündigung nun für „nicht angemessen”. Außerdem betonte er: „Es war oder ist in keiner Weise meine Intention, zu Straftaten anzustiften, einen Freibrief für Straftaten auszustellen oder das Gesetz zu relativieren.” Stattdessen will Platow nun aus seinem eigenen Privatvermögen mit Unterstützung von anderen Privatpersonen 20.000 Euro an den Umwelttreuhandsfonds überweisen. Dieser Fonds unterstützt Aktivisten und Aktivistinnen vor allem mit Rechtsrat, kann in Einzelfällen aber auch Geldstrafen und Bußgelder übernehmen. Diese Spende werde von der Ökoworld AG weder mit Firmengeldern noch mit Geldern der Fondsvermögen unterstützt, versicherte Platow.” 

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Axel Kleidon vom Max-Plack-Institut für Biogeochemie in Jena hat in einem Artikel noch einmal dargelegt, wie groß das Potential für Windkraft in Deutschland ist und was Reduktionseffekte sind. 

“Bei einem landesweiten, gleichmäßigen Ausbau auf 200 GW, verteilt über ganz Deutschland, erhält man so, dass der durchschnittliche Kapazitätsfaktor um etwa 10-13% abnimmt.  Ohne diesen Reduktionseffekt würden die Windturbinen so im Mittel etwa 200 GW x 20% Kapazitätsfaktor = 40 GW oder 350 TWh pro Jahr an Strom erzeugen.  Mit Reduktion reduziert sich diese Menge um 30 – 45 TWh/a.  Zum Vergleich: dies ist etwa die Hälfte des gegenwärtigen Stromverbrauchs in Deutschland. Installiert man die Turbinen auf der Hälfte der Fläche, nimmt der Reduktionseffekt entsprechend zu, wie auch bei Turbinen, die effizienter sind. Auch die Auswirkungen kann man hiermit abschätzen.  Im natürlichen Zustand dissipiert die Atmosphäre über Deutschland etwa 4 W pro Quadratmeter, also wandelt kinetische Energie wieder in Wärme um.  Multipliziert mit der Fläche Deutschlands ergibt dies so 1430 GW oder 12500 TWh pro Jahr.  Wenn wir jetzt den Ertrag mit dieser Reibungsrate in Beziehung setzen, dann sehen wir, dass die Windturbinen bei 200 GW lediglich 2.5% der Bewegungsenergie nutzen, die sonst natürlicherweise in Wärme umgewandelt würde.  Das ist sehr wenig, also sind großskalige Auswirkungen von Windturbinen somit kaum zu erwarten.” 

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Immer wieder heisst es, kaum mehr jemand bezweifle noch den menschengemachten Klimawandel. Doch zwei neue wissenschaftlich geführte Umfragen zeigen das Gegenteil: Weltweit gibt es sogar immer mehr sogenannte Klimaskeptiker. Alex Reichmuth hat die Zahlen im Nebelspalter zusammengetragen.

Immer mehr Leute bezweifeln die menschengemachte Erderwärmung

Die Natur ist die Hauptursache des Klimawandels. Dieser Meinung sind immer mehr Menschen. Sie bestreiten, dass sogenannte Klimagase wie Kohlendioxid oder Methan einen wesentlichen Einfluss auf die Temperaturen haben. Neue Umfragen belegen, dass sogenannte Klimaskeptiker weltweit im Aufwind sind.

Glaubt man den Medien, ist zwar das Gegenteil der Fall. «Leugner des Klimawandels findet man heute kaum mehr, die Zahl der Skeptiker hat stark abgenommen», schrieb die «NZZ am Sonntag». «Kaum jemand traut sich heute noch, den menschengemachten Klimawandel zu leugnen», war im österreichischen «Standard» zu lesen. Laut solchen Äusserungen sind die wissenschaftlichen Belege, wonach die Treibhausgase die Erde erwärmen, zu stark, als dass man den entsprechenden Zusammenhang noch abstreiten könnte.

Mehr dazu im Nebelspalter.

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Choi & Manousiouthakis 2022:

Modeling the Carbon Cycle Dynamics and the Greenhouse Effect

A carbon cycle model is proposed that predicts changes in the atmospheric CO2 concentration, and provides a global temperature estimate from an empirical correlation of the two variables. The model is validated by simulating the anthropogenic carbon emissions and deforestation since the industrial revolution, and comparing the predicted and measured atmospheric CO2 concentration and global temperature data. The temperature data are also compared with those predicted by a greenhouse effect model based on the effective emission temperature hypothesis. The result suggests that radiative forcing by CO2 alone can account for only about half of the measured global warming. The model requires further elaboration for the other half, in order to be applicable to simulation of potential climate control.

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Peter de Menocal auf The Conversation (via phys.org):

The ocean twilight zone could eventually store vast amounts of carbon captured from the atmosphere

Deep below the ocean surface, the light fades into a twilight zone where whales and fish migrate and dead algae and zooplankton rain down from above. This is the heart of the ocean’s carbon pump, part of the natural ocean processes that capture about a third of all human-produced carbon dioxide and sink it into the deep sea, where it remains for hundreds of years.

There may be ways to enhance these processes so the ocean pulls more carbon out of the atmosphere to help slow climate change. Yet little is known about the consequences.

Peter de Menocal, a marine paleoclimatologist and director of Woods Hole Oceanographic Institution, discussed ocean carbon dioxide removal at a recent TEDxBoston: Planetary Stewardship event. In this interview, he dives deeper into the risks and benefits of human intervention and describes an ambitious plan to build a vast monitoring network of autonomous sensors in the ocean to help humanity understand the impact.

First, what is ocean carbon dioxide removal, and how does it work in nature?

The ocean is like a big carbonated beverage. Although it doesn’t fizz, it has about 50 times more carbon than the atmosphere. So, for taking carbon out of the atmosphere and storing it someplace where it won’t continue to warm the planet, the ocean is the single biggest place it can go.

Ocean carbon dioxide removal, or ocean CDR, uses the ocean’s natural ability to take up carbon on a large scale and amplifies it.

Carbon gets into the ocean from the atmosphere in two ways.

In the first, air dissolves into the ocean surface. Winds and crashing waves mix it into the upper half-mile or so, and because seawater is slightly alkaline, the carbon dioxide is absorbed into the ocean.

The second involves the biologic pump. The ocean is a living medium—it has algae and fish and whales, and when that organic material is eaten or dies, it gets recycled. It rains down through the ocean and makes its way to the ocean twilight zone, a level around 650 to 3,300 feet (roughly 200 to 1,000 meters) deep.

The ocean twilight zone sustains biologic activity in the oceans. It is the „soil“ of the ocean where organic carbon and nutrients accumulate and are recycled by microbes. It is also home to the largest animal migration on the planet. Each day trillions of fish and other organisms migrate from the depths to the surface to feed on plankton and one another, and go back down, acting like a large carbon pump that captures carbon from the surface and shunts it down into the deep oceans where it is stored away from the atmosphere.

Why is ocean CDR drawing so much attention right now?

The single most shocking sentence I have read in my career was in the Intergovernmental Panel on Climate Change’s Sixth Assessment Report, released in 2021. It said that we have delayed action on climate change for so long that removing carbon dioxide from the atmosphere is now necessary for all pathways to keep global warming under 1.5 degrees Celsius (2.7 F). Beyond that, climate change’s impacts become increasingly dangerous and unpredictable.

Because of its volume and carbon storage potential, the ocean is really the only arrow in our quiver that has the ability to take up and store carbon at the scale and urgency required.

A 2022 report by the national academies outlined a research strategy for ocean carbon dioxide removal. The three most promising methods all explore ways to enhance the ocean’s natural ability to take up more carbon.

The first is ocean alkalinity enhancement. The oceans are salty—they’re naturally alkaline, with a pH of about 8.1. Increasing alkalinity by dissolving certain powdered rocks and minerals makes the ocean a chemical sponge for atmospheric CO2.

A second method adds micronutrients to the surface ocean, particularly soluble iron. Very small amounts of soluble iron can stimulate greater productivity, or algae growth, which drives a more vigorous biologic pump. Over a dozen of these experiments have been done, so we know it works.

Third is perhaps the easiest to understand—grow kelp in the ocean, which captures carbon at the surface through photosynthesis, then bale it and sink it to the deep ocean.

But all of these methods have drawbacks for large-scale use, including cost and unanticipated consequences.

I’m not advocating for any one of these, or for ocean CDR more generally. But I do believe accelerating research to understand the impacts of these methods is essential. The ocean is essential for everything humans depend on—food, water, shelter, crops, climate stability. It’s the lungs of the planet. So we need to know if these ocean-based technologies to reduce carbon dioxide and climate risk are viable, safe and scalable.

You’ve talked about building an ‚internet of the ocean‘ to monitor changes there. What would that involve?

The ocean is changing rapidly, and it is the single biggest cog in Earth’s climate engine, yet we have almost no observations of the subsurface ocean to understand how these changes are affecting the things we care about. We’re basically flying blind at a time when we most need observations. Moreover, if we were to try any of these carbon removal technologies at any scale right now, we wouldn’t be able to measure or verify their effectiveness or assess impacts on ocean health and ecosystems.

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