Im Europäischen Nordmeer nahe der norwegischen Vulkaninsel Jan Mayen ist in den Jahren 2023 und 2024 ungewöhnlich viel Meereis aufgetreten. Die Entwicklung ist deshalb bemerkenswert, weil sich dort mit der sogenannten Odden-Eiszunge eine charakteristische Eisformation erneut ausgebildet hat. Die Odden-Eiszunge war insbesondere in den 1980er- und 1990er-Jahren regelmäßig und deutlich ausgeprägt, trat nach der Jahrtausendwende jedoch wesentlich seltener auf. Die jüngste Entwicklung könnte deshalb Hinweise darauf liefern, wie stark kurzfristige Veränderungen von Temperatur, Salzgehalt, Meeresströmungen, Wind und Süßwassereintrag die arktische Meereisbedeckung beeinflussen.
Die Odden-Eiszunge entsteht im Bereich des Grönlandmeeres westlich beziehungsweise nordwestlich von Jan Mayen. Es handelt sich um eine langgestreckte, gekrümmte Meereisformation, die sich unter bestimmten meteorologischen und ozeanografischen Bedingungen am Rand des ansonsten vergleichsweise eisarmen Meeres ausbilden kann. Historische Beobachtungen zeigen, dass ihre Größe von Jahr zu Jahr erheblich schwankt. Seit den frühen 2000er-Jahren wurde sie jedoch deutlich seltener beobachtet, unter anderem weil sich die regionale Eisgrenze zurückgezogen hatte und das Eis nicht mehr regelmäßig nachgebildet wurde.
Die neue Untersuchung basiert auf Fernerkundungsdaten aus den Jahren 2017 bis 2024. Die Forscher werteten insbesondere Radardaten des Satellitensystems Sentinel-1 aus und verglichen sie mit unabhängigen Satellitendaten zur Eiskonzentration sowie mit Messungen der Meeres- und Lufttemperatur. Dadurch ließ sich die Entwicklung der Meereisbedeckung im Gebiet um den West-Jan-Mayen-Rücken Monat für Monat verfolgen.
Besonders auffällig war die Entwicklung im Jahr 2023 und zu Beginn des Jahres 2024. Nach mehreren Jahren mit vergleichsweise wenig Meereis nahm die Eisfläche in der Region plötzlich deutlich zu. Den größten Wert registrierten die Forscher im Januar 2024. Damals bedeckte das Meereis rund 20.300 Quadratkilometer beziehungsweise etwa 39,5 Prozent des untersuchten Gebietes. Dies war die größte Ausdehnung innerhalb des betrachteten Zeitraums und eine der stärksten Entwicklungen seit vielen Jahren.
Bereits im März 2023 war mit rund 14.500 Quadratkilometern die zweitgrößte Eisfläche des Untersuchungszeitraums festgestellt worden. Die räumliche Verteilung des Eises in den Jahren 2023 und 2024 verlief entlang der Jan-Mayen-Strömung und ähnelte damit den frühen Entwicklungsstadien der historischen Odden-Eiszunge. Allerdings erreichte die Formation nicht die maximale Ausdehnung, die aus früheren Jahrzehnten bekannt ist.
Die Forscher betonen, dass die ungewöhnliche Eiszunahme wahrscheinlich nicht auf einen einzigen Faktor zurückzuführen ist. Vielmehr dürften mehrere Prozesse gleichzeitig gewirkt haben. Dazu gehören niedrigere lokale Wassertemperaturen, kurzfristige Kälteperioden, Veränderungen des Salzgehalts, Windverhältnisse sowie der Transport von Meereis durch Meeresströmungen.
Eine besondere Bedeutung könnte dabei der Süßwassereintrag haben. Das Grönlandmeer ist Teil eines Systems, in dem Süßwasser aus dem arktischen Raum über Meeresströmungen in Richtung Nordatlantik transportiert wird. Dieses Wasser stammt unter anderem aus dem Abfluss großer Flüsse sowie aus dem Schmelzen von Meereis. Größere Süßwassermengen können den Salzgehalt des Meerwassers verändern und dadurch die physikalischen Eigenschaften der oberen Wasserschichten beeinflussen.
Die Studie stellt einen Zusammenhang mit sogenannten „Great Salinity Anomalies“ her. Dabei handelt es sich um großräumige und zeitweise auftretende Veränderungen des Salzgehalts im Nordatlantik und seinen Randmeeren. Solche Süßwasseranomalien können über Meeresströmungen weit transportiert werden. Sie beeinflussen unter anderem die Dichte des Meerwassers und damit die Durchmischung des Ozeans.
Für die Entstehung von Meereis ist der Salzgehalt besonders wichtig. Weniger salzhaltiges Wasser gefriert bei höheren Temperaturen als stark salzhaltiges Meerwasser. Ein verstärkter Süßwassereintrag kann deshalb unter geeigneten Wetterbedingungen die Bildung von Meereis erleichtern. Gleichzeitig kann geschmolzenes Meereis selbst große Mengen kalten Süßwassers an die Meeresoberfläche abgeben und dadurch wiederum die lokalen Bedingungen verändern.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass die Odden-Eiszunge offenbar nicht ausschließlich aus Eis besteht, das unmittelbar an ihrem Beobachtungsort entsteht. Frühere Untersuchungen und auch die neue Studie weisen darauf hin, dass ein Teil des Eises durch Meeresströmungen in das Gebiet transportiert werden kann. Die Eiszunge ist somit nicht nur ein Ergebnis lokaler Luft- und Wassertemperaturen, sondern auch ein sichtbares Produkt der großräumigen Eis- und Wasserzirkulation im Nordatlantik.
Das macht die Entwicklung wissenschaftlich besonders interessant. Die ungewöhnliche Eisbildung bei Jan Mayen kann als eine Art Indikator für Veränderungen in einem größeren ozeanografischen System dienen. Wenn beispielsweise mehr Süßwasser aus der Arktis in Richtung Grönlandsee transportiert wird, kann dies sowohl die Meereisbildung als auch die Dichteverhältnisse des Meerwassers beeinflussen.
Die Forscher weisen außerdem auf mögliche Folgen für die Meereszirkulation hin. Wenn große Mengen Meereis schmelzen, gelangt kaltes und relativ salzarmes Wasser in die oberen Meeresschichten. Dadurch können sich vorübergehend die Dichteverhältnisse, die Meeresströmungen und der Austausch von Wärme zwischen Ozean und Atmosphäre verändern. Solche Prozesse sind auch für die großräumige Tiefenwasserbildung im Nordatlantik von Bedeutung.
Historische Untersuchungen haben zudem gezeigt, dass kaltes, salzarmes Wasser aus dem Bereich der Odden-Eiszunge bis in die Labradorsee gelangen kann. Dort könnte es unter bestimmten Bedingungen die Bildung von Wintereis südwestlich von Grönland begünstigen. Damit wäre die Odden-Eiszunge nicht nur ein lokales Phänomen, sondern könnte Bestandteil eines wesentlich größeren Systems sein, in dem Meereis, Süßwasser, Meeresströmungen und die Atmosphäre miteinander verbunden sind.
Gleichzeitig warnt die Studie davor, aus der jüngsten Entwicklung vorschnell einen langfristigen Trend abzuleiten. Nach dem ungewöhnlich starken Eismaximum Anfang 2024 ging die Meereisbedeckung später im selben Jahr wieder auf Werte zurück, die eher den Bedingungen der vergangenen Jahre entsprachen. Es ist deshalb noch offen, ob die Rückkehr der Odden-Eiszunge den Beginn einer länger anhaltenden Entwicklung darstellt oder lediglich eine außergewöhnliche kurzfristige Abweichung.
Die Ergebnisse verdeutlichen damit die große Bedeutung kurzfristiger Schwankungen im arktischen Klimasystem. Obwohl die langfristige Entwicklung der arktischen Meereisbedeckung durch einen deutlichen Rückgang gekennzeichnet ist, können regionale und zeitlich begrenzte Zunahmen des Meereises auftreten. Solche Episoden widersprechen dem langfristigen Rückgang nicht, zeigen aber, dass die Entwicklung des Meereises wesentlich komplexer ist als eine gleichmäßige Abnahme.
Das Gebiet um Jan Mayen könnte dabei besonders empfindlich auf Veränderungen der klimatischen und ozeanografischen Bedingungen reagieren. Die Forscher wollen deshalb die Transporte von Süßwasser und Meereis künftig genauer untersuchen. Dadurch könnte besser verstanden werden, welche Auswirkungen solche ungewöhnlichen Eisepisoden auf die Meeresströmungen, die Tiefenwasserbildung und die Ökosysteme des Nordatlantiks haben.
Die zentrale Aussage der Untersuchung lautet somit: Die ungewöhnliche Rückkehr der Odden-Eiszunge ist kein Beleg für eine generelle Zunahme des arktischen Meereises. Sie ist vielmehr ein außergewöhnliches regionales Ereignis, das zeigt, wie stark kurzfristige Veränderungen von Temperatur, Salzgehalt, Süßwassertransport, Wind und Meeresströmungen die Verteilung des Meereises beeinflussen können. Ob sich die Odden-Eiszunge in den kommenden Jahren erneut ausbildet und möglicherweise wieder regelmäßiger auftritt, muss durch weitere Beobachtungen geklärt werden.
Weiterlesen: https://phys.org/news/2026-08-anomalous-odden-ice-tongue-unusual.html
Paper: Yilgan & Jonsdottier 2026: https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S1873965226000526