Die Medien sind in diesem Sommer voll mit Berichten über Hitzetote. Völlig vergessen geht dabei, dass die Zahl der Menschen, die wegen kältebedingten Beschwerden sterben, viel höher ist als die der Hitzetoten. Und deswegen haben steigende Temperaturen insgesamt eine segensreiche Wirkung. Eine neue wissenschaftliche Studie ist soeben zum Schluss gekommen, dass die Lebenserwartung in 28 europäischen Staaten wegen der höheren Temperaturen sogar um über zwei Monate gestiegen ist. Der Klimawandel rettet Leben!
Das hat Alex Reichmuth im Nebelspalter ausgeführt: https://www.nzz.ch/wirtschaft/der-chef-von-swiss-re-kritisiert-das-risiko-einer-hitzewelle-wurde-unterschaetzt-ld.10018662?utm_source=chatgpt.com
Hitze- und Kältetote
Wegen des Klimawandels leben wir länger
Die Fakten: Eine neue Studie aus Ungarn kommt zum Schluss, dass in 28 europäischen Ländern die Zahl der Kältetoten wegen der Erderwärmung stärker abgenommen hat, als die Zahl der Hitzetoten gestiegen ist. Darum hat die Lebenserwartung in diesen Ländern verglichen mit der Zeit zwischen 1950 und 1979 allein wegen des Klimawandels um über zwei Monate zugenommen.
Warum das wichtig ist: In diesem Sommer überhäufen uns die Medien mit Berichten über Hitzetote. Laut neuen Meldungen sollen es bis jetzt in diesem Jahr europaweit 31’800 Opfer gegeben haben (siehe hier). Dass der Klimawandel aber auch die Zahl der kältebedingten Todesfälle rasant fallen lässt, geht vergessen. Gemäss der neuen Studie ist die Erderwärmung insgesamt sogar ein gesundheitlicher Segen – auch in der Schweiz.
Das Zitat: «Die jüngste Erwärmung führte in den meisten Regionen zu einer höheren Lebenserwartung.» (Studie von Tamás Hajdu, Mai 2026, siehe hier)
Den ganzen Artikel kann man hier nachlesen: https://www.nzz.ch/wirtschaft/der-chef-von-swiss-re-kritisiert-das-risiko-einer-hitzewelle-wurde-unterschaetzt-ld.10018662?utm_source=chatgpt.com
Den Newsletter „Klima und Energie“ von Alex Reichmuth kann man hier abonnieren: https://www.nebelspalter.ch/newsletter/klima-energie
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Kluge Kolumne von Marcel Luthe in der Berliner Zeitung (15.8.2026):
Der Klima-Kult: Wie „Hitzetote“ und Waldbrände für politische Zwecke instrumentalisiert werden
Im Sommer folgt eine Wetter-Alarmmeldung auf die nächste. Doch wie belastbar sind die Zahlen und was belegen sie überhaupt?
Langebrück, am Nordrand Dresdens, ein Donnerstagabend im August. Aus der Heide weht der Geruch warmer Kiefern, aus den Gärten der von Holzkohle. Grillen zirpen gegen das Klappern von Geschirr an, zwei Häuser weiter protestiert ein Kind, das nicht einsehen will, dass ein Planschbecken um acht Feierabend hat. Die Nachbarin stellt die Gießkanne ab. Einer dieser Abende, an denen man begreift, wofür Menschen Gärten anlegen: damit der Sommer eine Adresse hat.
Dann leuchtet das Telefon. Eilmeldung: Westeuropa erlebt den heißesten Juni und Juli seit Beginn der Aufzeichnungen. Gleich dahinter die zweite: fast zwölftausend Hitzetote in Deutschland, mehr als je zuvor. Der Abend duftet noch nach Holzkohle und Idylle. Das Gerät aber meldet den Ausnahmezustand.
Beides existiert gleichzeitig – und genau das ist das Phänomen. Der Soziologe Jacques Ellul beschrieb 1962, dass moderne Propaganda nicht von der einzelnen Lüge lebt, sondern von der Dauer: Sie will nicht überzeugen, sie will umstellen – den Bürger in Daueralarm halten, bis er nicht mehr prüft, sondern reagiert. Die Meldung muss dafür nicht falsch sein. Sie muss nur unablässig eintreffen und stets dasselbe bedeuten: schlimmer als je, und schuld bist du. Sehen wir uns die Meldungen dieses Sommers einzeln an. Der Garten läuft nicht weg.
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Unbequemer Klimatrend: Warum sich Grönland zwischen 1950-1990 abkühlte
Eine im August 2026 veröffentlichte Studie in den Environmental Research Letters von Shujing Wang und Kollegen untersucht die Entwicklung der Lufttemperaturen über Grönland seit 1950. Interessanterweise kühlte sich Grönland von den 1950 bis Mitte der 1990er Jahre signifikant ab. Danach kam es zu einer rasanten Erwärmung. Wie passt das alles zusammen?
Die Autoren kommen zu einem wichtigen Ergebnis: Neben der langfristigen Erwärmung wirken natürliche Schwankungen des Klimasystems erheblich auf die Temperaturen in Grönland ein. Besonders bedeutsam sind dabei die Atlantische Multidekadische Oszillation (AMO) und die Pazifische Dekaden-Oszillation (PDO). Die beiden Begriffe klingen kompliziert, beschreiben aber letztlich großräumige Schwankungen der Meerestemperaturen und der atmosphärischen Zirkulation.
Die Atlantische Multidekadische Oszillation beschreibt langfristige Schwankungen der Meeresoberflächentemperaturen im Nordatlantik. Dabei wechseln sich über mehrere Jahrzehnte relativ warme und relativ kalte Phasen ab.
Die Pazifische Dekaden-Oszillation ist ein ähnliches Klimamuster im Pazifik. Auch sie kann sich über viele Jahre oder Jahrzehnte verändern und dabei die atmosphärische Zirkulation auf der gesamten Nordhalbkugel beeinflussen.
Entscheidend ist: Solche natürlichen Schwankungen erzeugen nicht einfach „mehr oder weniger Wärme“ aus dem Nichts. Sie können vielmehr Wärme zwischen Ozean, Atmosphäre und verschiedenen Regionen des Klimasystems umverteilen. Dadurch kann sich die Temperaturentwicklung einer Region für einige Jahre oder Jahrzehnte deutlich von der Entwicklung des globalen Mittelwerts unterscheiden.
Warum Grönland besonders empfindlich reagiert
Grönland liegt zwischen zwei großen Ozeanen und befindet sich gleichzeitig in einer Region, in der die atmosphärische Zirkulation besonders stark von Nordatlantik und Arktis beeinflusst wird. Veränderungen der Meeresoberflächentemperaturen können deshalb die Position und Stärke von Hoch- und Tiefdruckgebieten beeinflussen. Damit verändert sich wiederum, aus welchen Richtungen Luft nach Grönland strömt. Kommt beispielsweise häufiger relativ milde Luft aus südlicheren Regionen nach Grönland, können die Temperaturen deutlich steigen. Umgekehrt können bestimmte Wetterlagen auch für längere Zeit kalte Luft über die Insel bringen. Diese natürlichen Schwankungen können deshalb den langfristigen Erwärmungstrend zeitweise verstärken, abschwächen oder sogar ins Negative umkehren.
Der auffällige Temperaturverlauf seit 1950
Besonders interessant ist deshalb der Blick auf die vergangenen rund 75 Jahre. Die Temperaturentwicklung Grönlands verlief keineswegs wie eine gerade Linie nach oben. Im Diagramm ist die Temperatur in grün und rot dargestellt. Die Abkühlung von 1955-1990 ist klar zu erkennen. Die AMO (blau) war in ihrer negativen Phase, die PDO (orange) in ihrer positiven Phase.

Quelle: Wang et al. 2026
Der Pazifik wirkt bis nach Grönland
Besonders bemerkenswert ist, dass auch Veränderungen im Pazifik das Klima Grönlands beeinflussen können. Das geschieht über sogenannte atmosphärische Telekonnektionen. Damit bezeichnet man großräumige Zusammenhänge in der Atmosphäre: Eine Veränderung der Temperaturverteilung über einem Ozean kann die atmosphärische Zirkulation verändern und dadurch Auswirkungen Tausende Kilometer entfernt auslösen. Forschungen zur grönländischen Erwärmung haben beispielsweise gezeigt, dass Temperaturveränderungen im tropischen Pazifik mit Veränderungen der atmosphärischen Zirkulation über Grönland verbunden sein können. Auch der Nordatlantik spielt dabei eine wichtige Rolle. Das bedeutet: Das Wetter und Klima über Grönland wird nicht ausschließlich durch Vorgänge in der unmittelbaren Umgebung der Insel bestimmt.
Was die Studie für die Zukunft bedeutet
Die Untersuchung macht zugleich deutlich, warum Prognosen für Grönland nicht allein auf einem einfachen linearen Temperaturtrend beruhen können. Die zukünftige Entwicklung des Eisschildes hängt sowohl von der langfristigen anthropogenen Erwärmung als auch von der natürlichen Variabilität des Klimasystems ab. Besonders die regionalen Wetterlagen können von Jahr zu Jahr und von Jahrzehnt zu Jahrzehnt erheblich schwanken. Das kann dazu führen, dass Grönland in manchen Jahrzehnten deutlich schneller und in anderen langsamer wärmer wird. Für den langfristigen Meeresspiegel ist deshalb weniger entscheidend, ob ein einzelnes Jahrzehnt besonders warm oder kalt ausfällt. Entscheidend ist die über Jahrzehnte und Jahrhunderte anhaltende Entwicklung der Energiebilanz des Eisschildes.
Hier der Originalabstract von Wang et al. 2026 in den Environmental Research Letters:
Greenland surface air temperature changes since 1950, influenced by the Atlantic Multidecadal Oscillation and Pacific Decadal Oscillation
Surface air temperature (SAT) is a key determinant of the surface mass balance (SMB) of the Greenland ice sheet, but its regional disparities, decadal drivers, and seasonally modulated responses remain elusive. Leveraging a novel high-resolution (0.1° × 0.1°) station-based reconstruction of SAT over Greenland, this study investigates the SAT variability from 1950 to 2024 and its relationships with the Atlantic Multidecadal Oscillation (AMO) and the Pacific Decadal Oscillation (PDO). We find that annual mean surface temperature decreased significantly from 1950 to the mid-1990s, after which it shifted to a rapid warming, with strong interdecadal variability in all seasons. Spatially, warming has been stronger in northern Greenland than in southern Greenland, and the ablation zone exhibits significant year-round warming. The AMO is the primary driver of decadal‐scale temperature variability, especially in summer, while the PDO modulates this influence most effectively in autumn. Since the late 1990s, the concurrence of a positive AMO and a negative PDO has jointly enhanced anticyclonic conditions over Greenland, driving sustained warming. These findings significantly improve the predictability of Greenland’s SAT, thereby supporting more accurate projections of the future SMB of the ice sheet.