Quelle: Phys.org – https://phys.org/news/2026-07-brazil-highland-forest-climate-indigenous.html, Autor: Oliver Wilson (The Conversation), veröffentlicht am 13. Juli 2026.
Im südlichen Brasilien befindet sich ein ungewöhnliches und zugleich stark bedrohtes Ökosystem: Auf den kühlen Hochflächen wachsen ausgedehnte Bestände der Paraná-Araukarie (Araucaria angustifolia) neben offenen Graslandschaften, den sogenannten Campos. Die Region unterscheidet sich damit deutlich vom klassischen Bild des tropischen brasilianischen Regenwaldes. Das Klima ist vergleichsweise kühl, feucht und kann sogar von Frost und starken Winden geprägt sein.
Eine internationale Forschungsgruppe hat untersucht, wie sich diese Landschaft während der vergangenen 6.000 Jahre entwickelt hat. Die Ergebnisse zeigen, dass weder das Klima allein noch der Einfluss des Menschen die Entwicklung der Araukarienwälder erklären können. Vielmehr wirkten Klima, Feuer und menschliche Landnutzung eng zusammen. Die Studie ist in der Fachzeitschrift Scientific Reports erschienen.
Die Araukarienwälder und Graslandschaften existieren in dieser Region bereits seit mehr als 1,5 Millionen Jahren. Die Paraná-Araukarie gehört zu einer sehr alten und evolutionär besonders eigenständigen Baumgruppe. Ihre Verwandten sind unter anderem die als Zierbäume bekannten Schmucktannen beziehungsweise Monkey-Puzzle-Bäume. Die heutige Araukarienlandschaft ist allerdings nur noch ein Bruchteil ihres ursprünglichen Zustands. Intensive Abholzung und die Ausweitung der Landwirtschaft haben während der vergangenen rund 150 Jahre große Teile des ursprünglichen Wald-Grasland-Mosaiks zerstört. Gleichzeitig verändern steigende Temperaturen und veränderte Niederschlagsverhältnisse die klimatischen Bedingungen, unter denen dieses Ökosystem entstanden ist.
Ein Blick 6.000 Jahre zurück
Um die langfristige Entwicklung der Landschaft zu rekonstruieren, kombinierten die Forscher verschiedene Datenquellen. Besonders wichtig waren Pollen, die sich über Jahrtausende in den Sedimenten von Mooren erhalten haben. Sie geben Aufschluss darüber, welche Pflanzen in der Umgebung wuchsen. Winzige Holzkohlepartikel wiederum zeigen, wann und wie häufig Feuer auftraten.
Diese Informationen wurden mit archäologischen Funden, Daten über vergangene Niederschlagsmengen aus einer nahegelegenen Höhle sowie ökologischen Computermodellen kombiniert. Dadurch konnten die Forscher untersuchen, wie sich der Wald vermutlich entwickelt hätte, wenn ausschließlich klimatische Veränderungen dafür verantwortlich gewesen wären.
Das Ergebnis war überraschend: Das Klima spielte tatsächlich eine wichtige Rolle, doch seine Wirkung war regional sehr unterschiedlich.
In einigen Gebieten nahm der Anteil der Araukarien deutlich zu, während sich die Vegetation an anderen, teilweise nahegelegenen Standorten nur geringfügig veränderte. Ein großräumiger Klimafaktor allein konnte diese Unterschiede daher nicht erklären.
Feuer als entscheidender Faktor
Eine zentrale Rolle spielte das Feuer. Brände sind in der natürlichen Landschaft der südbrasilianischen Hochflächen keineswegs ungewöhnlich. Die offenen Campos-Graslandschaften können relativ leicht Feuer fangen. Die jungen Bäume der Araukarie sind dagegen empfindlich gegenüber wiederholten Bränden. Regelmäßige Feuer können deshalb verhindern, dass sich Wald in der Graslandschaft ausbreitet.
Ausgewachsene Araukarienbestände sind wesentlich widerstandsfähiger gegen Feuer. Dadurch kann ein interessanter Rückkopplungsmechanismus entstehen: Unter bestimmten Bedingungen führen etwas wärmere und feuchtere Klimaverhältnisse zu weniger Feuer und begünstigen zunächst das Wachstum des Waldes. Sobald genügend Wald entstanden ist, kann dieser seinerseits weitere Brände erschweren. Dadurch kann sich die Waldfläche plötzlich sehr viel stärker ausdehnen, als es die vergleichsweise geringe Veränderung des Klimas zunächst erwarten ließe.
Die Forscher sprechen damit sinngemäß von einem nichtlinearen Zusammenhang zwischen Klima, Wald und Feuer. Eine relativ kleine Veränderung der Umweltbedingungen kann ausreichen, um ein System über einen Schwellenwert zu bringen. Danach kann sich die Vegetation wesentlich schneller und umfassender verändern.
Das erklärt auch, weshalb einige untersuchte Standorte eine starke Ausbreitung des Waldes zeigen, während andere kaum betroffen waren. Die Landschaft befand sich offenbar an verschiedenen Stellen in unterschiedlichen Ausgangszuständen. Manche Bereiche lagen näher an einem solchen ökologischen Schwellenwert als andere.
Auch die Menschen veränderten die Wälder
Besonders interessant ist der zweite Teil der Forschungsergebnisse. In einigen Regionen fanden die Wissenschaftler Hinweise darauf, dass die indigene Bevölkerung die Entwicklung der Araukarienwälder beeinflusste.
Die Hochflächen waren spätestens während der vergangenen 2.000 Jahre intensiv von den südlichen Jê bewohnt. Zu dieser Gruppe gehören unter anderem die heutigen Kaingang und Laklãnõ Xokleng. Archäologische Funde belegen Siedlungen, Grubenhäuser und aufwendige Erdwerke.
An mehreren Standorten in der Nähe solcher archäologischer Fundstätten fanden die Forscher gleichzeitig relativ hohe Feueraktivität und einen hohen Anteil an Araukarienpollen. Das ist bemerkenswert, weil häufige Brände eigentlich die Ausbreitung des Araukarienwaldes behindern.
Hinzu kommen Hinweise auf landwirtschaftliche Nutzung. Pollen von Kulturpflanzen und Veränderungen bei den Araukarien lassen darauf schließen, dass die Bewohner die Vegetation gezielt beeinflussten. Feuer könnten beispielsweise eingesetzt worden sein, um Flächen für den Anbau von Mais und Bohnen zu schaffen.
Die Ergebnisse sprechen allerdings nicht dafür, dass diese Nutzung zwangsläufig zur Zerstörung des Waldes führte. Im Gegenteil: Die Forscher halten es für möglich, dass die südlichen Jê eine Form von Agroforstwirtschaft betrieben. Nutzpflanzen könnten unter oder zwischen bestehenden Bäumen angebaut worden sein, während für die Menschen besonders wertvolle Araukarien erhalten blieben.
Damit entsteht ein deutlich komplexeres Bild der früheren Landschaft. Die indigene Bevölkerung könnte den Wald nicht einfach beseitigt, sondern dessen Zusammensetzung und Struktur gezielt beeinflusst haben.
Kein Gegensatz zwischen Mensch und Wald
Eine wichtige Schlussfolgerung der Studie ist deshalb, dass die frühere Entwicklung der Araukarienlandschaft nicht in die einfache Kategorie „natürlich“ oder „vom Menschen verursacht“ eingeordnet werden kann.
Das Klima beeinflusste die Häufigkeit von Feuer und damit die Konkurrenz zwischen Wald und Grasland. Die Menschen wiederum veränderten durch Landwirtschaft und den Einsatz von Feuer die lokale Vegetation. Diese Faktoren beeinflussten sich gegenseitig.
An einem der untersuchten Standorte entstand offenbar eine Landschaft, deren Entwicklung über Jahrhunderte eng mit dem Leben einer nahegelegenen Siedlung verbunden war. Die südlichen Jê haben die Araukarienwälder demnach möglicherweise nicht großflächig durch das gesamte Gebiet verbreitet. Rund um ihre Siedlungen konnten sie die Wälder jedoch deutlich verändern und teilweise sogar deren Erhalt fördern.
Bedeutung für den heutigen Klimawandel
Die Erkenntnisse sind nicht nur für die Archäologie und Ökologie interessant. Sie haben auch Bedeutung für den Schutz der heutigen Araukarienlandschaften.
Die Vergangenheit zeigt, dass bereits relativ geringe Veränderungen von Temperatur und Niederschlag erhebliche Auswirkungen haben können, wenn ein Ökosystem nahe an einem ökologischen Schwellenwert liegt. Veränderungen des Feuerregimes können diese Entwicklung zusätzlich verstärken.
Für die Zukunft ist das problematisch, weil die klimatischen Bedingungen im südbrasilianischen Hochland bereits heute ungünstiger werden. Die ursprünglichen kühlen und feuchten Verhältnisse gehen durch steigende Temperaturen und veränderte Niederschlagsmuster zurück. Gleichzeitig sind die Wälder durch Abholzung, Landwirtschaft, Beweidung und veränderte Feuerregime unter Druck. Von den ursprünglichen Araukarienwäldern sind nach Angaben der zugrunde liegenden wissenschaftlichen Arbeit teilweise nur noch etwa fünf Prozent erhalten. Auch die artenreichen Campos-Graslandschaften haben erhebliche Flächenverluste erlitten.
Gerade die enge Verbindung zwischen Wald und Feuer macht die Situation kompliziert. Maßnahmen, die ausschließlich auf die Ausbreitung des Waldes abzielen, könnten die ökologisch wertvollen Graslandschaften gefährden. Umgekehrt können häufige oder falsch gesteuerte Brände die Regeneration der Araukarien verhindern.
Der Schutz der Region muss daher beide Landschaftstypen berücksichtigen und die komplexen Wechselwirkungen zwischen Klima, Feuer und Landnutzung einbeziehen.
Indigenes Wissen als Teil des Naturschutzes
Die Studie stellt schließlich auch die traditionelle Vorstellung infrage, dass menschliche Nutzung und Naturschutz grundsätzlich Gegensätze seien. Die Geschichte der Araukarienlandschaft zeigt vielmehr, dass Menschen bereits seit langer Zeit Bestandteil dieses Ökosystems sind.
Die heute noch existierenden Gemeinschaften der Kaingang und Laklãnõ Xokleng stehen weiterhin in Verbindung mit ihren angestammten Gebieten. Nach Ansicht der Forscher sollte der Naturschutz diese historische Beziehung stärker berücksichtigen.
Das bedeutet nicht, dass jede traditionelle Landnutzung automatisch ökologisch nachhaltig ist. Die Untersuchung zeigt jedoch, dass menschliche Eingriffe sehr unterschiedlich wirken können. Unter bestimmten Bedingungen können Landwirtschaft, kontrollierter Feuereinsatz und der Schutz bestimmter Baumarten eine Landschaft schaffen, die sich von einer vollständig ungenutzten Naturlandschaft unterscheidet, aber dennoch eine hohe ökologische Bedeutung besitzt.
Die wichtigste Erkenntnis der Untersuchung lautet deshalb: Die heutige Araukarienlandschaft ist das Ergebnis einer jahrtausendelangen Wechselwirkung zwischen Klima, Feuer und menschlicher Nutzung. Wer sie für die Zukunft erhalten will, muss diese drei Faktoren gemeinsam betrachten. Einfache Erklärungen, nach denen entweder der Klimawandel oder allein der Mensch für die Veränderungen verantwortlich ist, greifen zu kurz.
Die zugrunde liegende wissenschaftliche Arbeit von Oliver J. Wilson und seinen Kollegen trägt den Titel „How climate, Indigenous people, and fire shaped Brazil’s Araucaria Forests through the Late Holocene“ und wurde 2026 in Scientific Reports veröffentlicht.
Weiterlesen: https://phys.org/news/2026-07-brazil-highland-forest-climate-indigenous.html https://phys.org/news/2026-07-brazil-highland-forest-climate-indigenous.html
Wilson et al. 2026: https://www.nature.com/articles/s41598-026-41607-y
The Conversation: https://theconversation.com/brazils-highland-forest-has-been-shaped-by-climate-change-and-indigenous-people-for-6-000-years-285286