Quelle: https://phys.org/news/2026-06-hydrogen-emissions-key-maximizing-climate.html – Centre for International Climate and Environmental Research (CICERO), Autorin: Maria Sand et al.; veröffentlicht am 4. Juni 2026
Wasserstoffemissionen sind entscheidend, um den Klimanutzen von Wasserstoff zu maximieren
Wasserstoff gilt als wichtiger Baustein für eine künftige kohlenstoffarme Energieversorgung. Insbesondere in Bereichen, in denen eine direkte Elektrifizierung schwierig ist, etwa in der Schwerindustrie, im Fernverkehr oder bei der längerfristigen Energiespeicherung, könnte Wasserstoff fossile Energieträger ersetzen. Eine neue Übersichtsarbeit von Maria Sand und weiteren Forschern kommt jedoch zu dem Ergebnis, dass der tatsächliche Klimanutzen einer Wasserstoffwirtschaft wesentlich davon abhängt, wie viel Wasserstoff während Produktion, Transport, Speicherung und Nutzung in die Atmosphäre entweicht.
Wasserstoff selbst ist zwar kein Treibhausgas im klassischen Sinn, seine Freisetzung in die Atmosphäre ist jedoch keineswegs klimaneutral. Dort reagiert Wasserstoff mit anderen Stoffen und beeinflusst dadurch die chemische Zusammensetzung der Atmosphäre. Besonders wichtig ist seine Wechselwirkung mit dem Methanhaushalt. Wasserstoff kann mit den sogenannten Hydroxylradikalen reagieren, die in der Atmosphäre unter anderem für den Abbau von Methan verantwortlich sind. Steigt die Wasserstoffkonzentration, stehen weniger dieser natürlichen „Reinigungsmittel“ für den Methanabbau zur Verfügung. Dadurch kann Methan länger in der Atmosphäre verbleiben und stärker zur Erwärmung beitragen. Zusätzlich beeinflusst Wasserstoff die Konzentrationen von Ozon und Wasserdampf in der Stratosphäre, die ebenfalls klimawirksam sind.
Damit erhält die Frage nach Wasserstoffverlusten eine größere Bedeutung, als sie in vielen bisherigen Betrachtungen der Wasserstoffwirtschaft hatte. Wasserstoff kann entlang der gesamten Wertschöpfungskette entweichen – von der Herstellung über Verdichter und Pipelines bis hin zu Speichern, Transportanlagen und der späteren Nutzung. Je größer die künftig installierte Wasserstoffinfrastruktur wird, desto größer ist daher auch die Bedeutung einer möglichst genauen Erfassung dieser Verluste. Nach Einschätzung der Forscher ist die wissenschaftliche Grundlage inzwischen ausreichend belastbar, um die Klimawirkung von Wasserstoffemissionen bei politischen und unternehmerischen Entscheidungen zu berücksichtigen.
Eine zentrale Kenngröße ist dabei das sogenannte Treibhauspotenzial über 100 Jahre (GWP100). Die aktuellen wissenschaftlichen Schätzungen nähern sich bei Wasserstoff einem Wert von ungefähr 12, bezogen auf Kohlendioxid mit einem GWP100 von 1. Das bedeutet nicht, dass ein Kilogramm Wasserstoff unmittelbar dieselbe Wirkung wie zwölf Kilogramm CO₂ entfaltet. Vielmehr beschreibt dieser Wert die über einen Zeitraum von 100 Jahren aufsummierte indirekte Erwärmungswirkung der Wasserstoffemissionen im Vergleich zu CO₂. Die Zahl macht jedoch deutlich, dass Wasserstoffverluste bei einer umfassenden Klimabilanz nicht einfach als vernachlässigbar betrachtet werden können.
Die Autoren sehen darin einen wichtigen Perspektivwechsel. Wasserstoff wurde in vielen Diskussionen über die Energiewende vor allem deshalb als klimafreundlich betrachtet, weil bei seiner Nutzung beispielsweise in einer Brennstoffzelle kein CO₂ entsteht. Für die tatsächliche Klimawirkung muss jedoch die gesamte Wasserstoffkette betrachtet werden. Entscheidend ist also nicht allein, ob Wasserstoff am Ort seiner Verwendung CO₂-frei eingesetzt werden kann, sondern auch, wie er hergestellt wird und wie hoch die Verluste auf dem Weg vom Erzeuger zum Verbraucher sind.
Das gilt insbesondere für sogenannten grünen Wasserstoff. Wird Wasser durch Elektrolyse mit erneuerbarem Strom in Wasserstoff und Sauerstoff aufgespalten, entstehen bei der Herstellung selbst keine direkten CO₂-Emissionen aus fossilen Brennstoffen. Dennoch kann der Klimavorteil durch Wasserstoffverluste teilweise wieder geschmälert werden. Bei einer stark wachsenden Wasserstoffwirtschaft gewinnt deshalb die technische Beherrschung von Leckagen eine ähnliche Bedeutung wie bei anderen Energieträgern, bei denen unbeabsichtigte Emissionen bereits seit langem Bestandteil der Umwelt- und Klimabilanz sind.
Die Forscher weisen gleichzeitig darauf hin, dass noch erhebliche wissenschaftliche Unsicherheiten bestehen. Eine wichtige offene Frage betrifft die Aufnahme von Wasserstoff durch Böden. Böden stellen eine bedeutende Senke für atmosphärischen Wasserstoff dar und beeinflussen damit, wie lange zusätzlich freigesetzter Wasserstoff in der Atmosphäre verbleibt. Wie groß diese Senke tatsächlich ist und wie sie sich unter verschiedenen Umweltbedingungen verändert, muss noch genauer untersucht werden.
Ein weiterer Forschungsbedarf besteht bei der Beschreibung der chemischen Prozesse in der Atmosphäre. Klimamodelle müssen die verschiedenen Reaktionen von Wasserstoff möglichst realistisch abbilden, damit sich aus gemessenen oder angenommenen Emissionsmengen zuverlässige Aussagen über die daraus resultierende Erwärmungswirkung ableiten lassen. Auch die tatsächlichen Wasserstoffemissionen entlang der gesamten Wertschöpfungskette sind bisher nicht ausreichend genau bekannt. Deshalb fordert die Untersuchung bessere Messungen und eine präzisere Erfassung der Verluste.
Die Ergebnisse bedeuten nach Darstellung der Autoren nicht, dass Wasserstoff als Instrument zur Dekarbonisierung grundsätzlich infrage gestellt wird. Vielmehr geht es darum, die Bedingungen für einen möglichst großen Klimanutzen zu schaffen. Wasserstoff kann insbesondere dort eine wichtige Funktion übernehmen, wo eine direkte Nutzung von Strom technisch oder wirtschaftlich schwierig ist. Gleichzeitig sollten Leckagen so weit wie möglich reduziert und bei der Bewertung von Wasserstoffprojekten berücksichtigt werden.
Die Studie wurde im Rahmen des vom CICERO geleiteten Forschungsprojekts HYway erstellt. Beteiligt waren neben dem Centre for International Climate and Environmental Research in Norwegen unter anderem Forschungseinrichtungen und Organisationen aus den USA, Frankreich und Großbritannien. Die zugrunde liegende Übersichtsarbeit „Climate impacts of hydrogen emissions“ wurde 2026 in Nature Reviews Earth & Environment veröffentlicht.
Für die zukünftige Wasserstoffwirtschaft ergibt sich daraus eine klare Konsequenz: Nicht nur die Herkunft des Wasserstoffs, sondern auch seine Verluste müssen Bestandteil der Klimabilanz sein. Eine Wasserstoffwirtschaft mit möglichst geringen Leckagen kann den Klimanutzen deutlich besser ausschöpfen als ein System, bei dem große Mengen des erzeugten Wasserstoffs unkontrolliert in die Atmosphäre gelangen. Die Forscher sehen deshalb eine Kombination aus besserer Messtechnik, genauerer Modellierung und einer systematischen Berücksichtigung der Wasserstoffemissionen in politischen und wirtschaftlichen Entscheidungsprozessen als wesentlich an.
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Die EU will Importeure von Flüssiggas im Rahmen ihrer Methanverordnung zu weitreichenden Massnahmen gegen den Austritt klimaschädlicher Gase verpflichten. Damit verschärft Brüssel ungewzungen die Probleme der Europäischen Energieversorgung, hat Alex Reichmuth im Nebelspalter geschrieben: https://www.nebelspalter.ch/themen/2026/07/einmal-mehr-schiesst-sich-europa-mit-der-klimapolitik-ins-eigene-knie
EU-Methanverordnung
Einmal mehr schiesst sich Europa mit der Klimapolitik ins eigene KnieDie Fakten: Im Rahmen ihrer Methanverordnung will die EU bei Gasimporten durchsetzen, dass ausländische Lieferanten rigorose Vorkehrungen treffen müssen, damit bei Produktion und Transport von Erdgas kein klimaschädliches Methan entweicht. Nun drohen wichtige Lieferstaaten wie die USA und Katar, Europa deswegen nicht mehr zu beliefern (siehe hier und hier).
Warum das wichtig ist: Europa hat wegen des Verzichts auf Gaslieferungen aus Russland und den Knappheiten wegen der Irankriegs bereits jetzt grosse Mühe, genügend Gas zu beschaffen. Doch Brüssel scheint bereit, Im Zuge einer ideologischen Klimapolitik noch grössere Probleme bei der Energieversorgung in Kauf zu nehmen.
Das Zitat: «Crazy» (So bezeichnete US-Energieminister Chris Wright die Auflagen, welche die EU im Rahmen ihrer Methanverordnung bei ausländischen Erdgaslieferanten durchsetzen will, siehe hier)
Den ganzen Beitrag kann man hier nachlesen: https://www.nebelspalter.ch/themen/2026/07/einmal-mehr-schiesst-sich-europa-mit-der-klimapolitik-ins-eigene-knie
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