Von Dr.-Ing. Ernst-Jürgen Niemann
In den Klimanachrichten vom 2.12.2025 hatte ich über Halbwahrheiten und Fehlinformationen beim Thema Klimawandel und Energiewende berichtet und gefordert, dass Journalisten, insbesondere die des ÖRR (Öffentlich-rechtlicher Rundfunk/Fernsehen), qualifizierter über die Thematik berichten sollten. Jetzt musste ich ein weiteres eklatantes Beispiel für Fehlinformation erleben, was m.E. nach nicht einfach übergangen werden darf.
Am 22.03.2026 konnte Anja Kohl (ARD Finanzredaktion, Hessischer Rundfunk) im Presseclub ab Minute 26 ihre Werbung für eine weitere Subvention der PV (Photovoltaik)-Dachanlagen unterbringen. Ihr Argument: Spanien habe mit die niedrigsten Strompreise in Europa und decke bereits 60 % seines Stromverbrauchs durch Erneuerbare, dadurch werden bessere Preise erzielt. Dass Frau Reiche den Ausbau von PV für private Haushalte zurückfahren will, hält sie daher für einen kapitalen Fehler.
Dass eine Journalistin des ÖRR vehement mit dem Vorbild Spanien für weitere Subventionierung von Hausdach PV in Deutschland in dem ÖRR wirbt und die Wirtschaftsministerin wegen ihrer geplanten PV Politik im Fernsehen kritisiert, ist an sich schon problematisch, sollte aber zumindest mit solidem Wissen abgesichert sein. Das ist es aber nicht. Die Bezugnahme auf die Photovoltaik Politik und die Preise Spaniens zur Rechtfertigung weiterer teurer staatlicher Subvention für PV Dachanlagen in Deutschland ist geradezu absurd und erscheint wie plumper Lobbyismus:
- In Deutschland beträgt die Stromerzeugung durch Erneuerbare 60 %, in Spanien etwas weniger. Nach der Logik von Frau Kohl müssten die Strompreise dann in Deutschland genauso niedrig wie in Spanien sein. Trotz hoher staatlicher Subventionen sind die Haushaltsstrom- und Börsenstrompreise in Deutschland aber ca. 35 % höher. Die Erklärung dafür ist anders: Zum einen erzeugt Spanien weiterhin 20 % des Stromverbrauchs durch Atomkraft, die Ressource Solar ist sehr viel größer und ausgeglichener als in Deutschland und die Netzentgelte sind dort viel geringer! Der Ausbau der Erneuerbaren in Spanien erfolgt viel stärker nach technischen und wirtschaftlichen Gesichtspunkten.
- Die Bedingungen für den Ausbau der Photovoltaik sind in Spanien vollkommen anders als in Deutschland und mehr marktorientiert und an der Netzkapazität ausgerichtet. Jede Installation benötigt eine Genehmigung der örtlichen Behörde. Es gibt keine langfristigen staatlich garantierte und subventionierten Einspeisevergütungen wie in Deutschland für 20 Jahre. Gefördert wird in Spanien die Investition im Rahmen von budgetierten Programmen (bisher EU gefördert) und verbilligter Kredite. Der PV Ausbau im privaten Bereich zielt in Spanien primär auf Eigenverbrauch ab. Dank des viel ausgeglicheneren Jahresgangs und des größeren Solarpotentials (s. Punkt 3) sowie des erhöhten Bedarfs im Sommer (Klimaanlagen) ist es a priori viel wirtschaftlicher als in Deutschland. Nicht autonome Systeme mit Netzanbindung können Überschuss-Strom ins Netz einspeisen, müssen dafür aber einen Vertrag mit öffentlichen oder privaten Versorgern abschließen und bedürfen in netzschwachen Gebieten einer Anschlussgenehmigung. Solche Verträge haben in der Regel 12 Monate Laufzeit und beinhalten neben dem Verbrauchstarif einen PV-Anschlusstarif (z.B. Repsol ca. 2,50 €/kWinst/Monat) sowie einen Einspeisetarif, der weit unterhalb des Verbrauchstarifs liegt, zur Verrechnung mit den Verbrauchskosten. Es lassen sich also anders als in Deutschland keine Einnahmen erzielen, sondern nur Einsparungen bei der Stromrechnung. Darüber hinaus wird nichts vergütet
- In Spanien steht die Sonne höher und die Sommer-Winter Schwankung der Tageslichtdauer ist viel geringer als in Deutschland. Bezogen auf die geografischen Mittelpunkte der Spanischen Halbinsel (Getafe) und Deutschlands (etwa Bad Hersfeld) ergibt sich für Spanien ein um 11° höherer Sonnenstand. Zudem ist die Tageslichtdauer in Spanien im Winter, also in Zeiten mit hohem Energiebedarf und Globalstrahlungsminimum, 1:20 Std. länger als in Deutschland. Umgekehrt ist die Tageslichtdauer zu Zeiten niedrigen Energiebedarfs und hoher Globalstrahlung im Sommer in Deutschland 1:30 Std länger. Die daraus resultierende viel höhere Schwankung des Solarenergiepotentials zwischen Sommer und Winter macht technische Nutzung von netzgekoppelter PV in Deutschland sehr viel schwieriger und erfordert kostspieligen Begleitmaßnahmen. Die nachfolgenden Grafiken zeigen, dass der Energieertrag in Deutschland pro installierten KWp im bedarfsintensiven Winter viel geringer als in Spanien ist. Während in Spanien das Jahresmaximum nur gut 50 % über dem Winterminimum liegt, beträgt die Spreizung Sommer-Winter in Deutschland etwa das 5,5-fache.

Monatlicher Energieertrag pro KWp, optimale Neigung (Deutschland) (Quelle: EC Geographic Photovoltaic Information System)

Monatlicher Energieertrag pro KWp, optimale Neigung (Spanien) (Quelle: EC Geographic Photovoltaic Information System)
In Deutschland sind 117 GW PV (Stande Ende 2025) installiert. In den Ferienmonaten im Sommer wird allein durch PV zusammen mit der notwendigen netzstabilisierenden Grundlasterzeugung die Spitzennetzlast von 60-65 GW (werktags) fast regelmäßig mehrere Stunden am Tag überschritten, da alte PV Hausdachanlagen nicht abgeschaltet und neue Anlagen nur begrenzt zurückgefahren werden. Die Strombörsenpreise fallen solargetrieben gegen Null oder sogar ins Negative. Die netzführenden Konventionellen sind gezwungen am Netz zu bleiben und produzieren Verluste, die durch Einnahmen nachts oder durch Entschädigungen kompensiert werden müssen. Trotz Abregelung auch von Windenergie muss nicht vermeidbarer Überschussstrom ins Ausland zu Dumpingpreisen oder gegen Zahlung abgegeben werden.
Durch die garantierte Einspeisevergütung und Kompensationszahlungen für dann notwendige Redispatch-Maßnahmen werden hohe Kosten verursacht, die durch Subventionen im zweistelligen Milliardenbereich und hohe Endverbraucherpreise aufgefangen werden. Gleichzeitig wird mit zunehmenden Solaranteil auch die Netzstabilisierung immer schwieriger, z. B. beim Durchzug großer Wolkenfelder, oder beim Übergang von oder zur Nacht, wo mangels ausreichend schnell regelnder Kraftwerkskapazität dann teure Stromimporte einspringen müssen. Ein Beispiel für den Sommer 2025 ist nachfolgend abgebildet (Quelle: Smard, Bundesnetzagentur). Mit zunehmenden netzgekoppeltem Solaranteil werden die technischen Anforderungen an die Netzstabilisierung immer größer und die Kosten werden weiter steigen, da eine signifikante Abfederung durch Batterie-gestützten Tag-Nacht Ausgleich auch mittelfristig kaum erwartet werden kann. Im Winter ist netzgekoppelte PV in Deutschland nicht relevant. Dann muss der Strombedarf fast vollkommen von Parallelstrukturen gedeckt werden, die natürlich ebenfalls die Stromkosten nach oben treiben.

Auch in Spanien gibt es zunehmend Probleme in den Netzen. Dort wird aber nach technisch-wirtschaftlich Gesichtspunkten operiert und Neuanschlüsse nur zugelassen, wenn sie mit dem Netz kompatibel sind. Deshalb geht man dort davon aus, dass der Zubau an netzgekoppelter PV bald die Sättigungsgrenze erreicht. Trotz geringerer Komplexität beim Netzbetrieb hat man in Spanien ja bereits die Erfahrung eines Blackouts gemacht.
Zusammengefasst lässt sich sagen:
- Die Kritik der ARD-Expertin an der Wirtschaftsministerin wegen der geplanten Einstellung der Förderung netzgekoppelter Hausdach-PV mit dem Argument, dass in Spanien wegen des Ausbaus von PV niedrigere Strompreise erzielt werden, ist extrem irreführend und nicht erklärbar. Bestimmte Interessen? Unwissen, weil außerhalb ihrer Kernkompetenz? Im letzteren Fall sollte man bei solchen Themen besser schweigen.
- Das spanische Konzept für den Ausbau von PV ist markwirtschaftlicher orientiert und netzkompatibler als das deutsche. Es gibt auch keine langjährigen Garantiepreissubventionen. Der niedrigere Strompreis in Spanien ist vor allem auf 20 % Atomstromanteil und niedrigere Netzstabilisierungs-kosten/ Netzentgelte zurückführen. Das Solarpotential in Spanien ist signifikant höher und im Jahresgang viel ausgeglichener als in Deutschland, so dass PV-Nutzung in Spanien sehr viel wirtschaftlicher ist.
- Wenn man Ministerin Reiche etwas vorwerfen kann, dann, dass sie es bisher noch nicht geschafft hat, die Garantievergütung für neue PV-Einspeisung abzuschaffen. Der extreme Aufwuchs an PV-Installation erzeugt hohe jährliche Subventionskosten im zweistelligen Milliardenbereich, gefährdet die Netzstabilität und erfordert umfangreiche Netzstabilisierungs-Maßnahmen, deren Kosten zu hohen Netzentgelten führen. Auch hat der weitere Zubau von PV Solar zu keiner signifikante Reduzierung von CO2 Emissionen bei der Stromerzeugung geführt.
- Nach Abschaffung der Garantiepreissubventionen von Hausdach PV hätten private PV-Investoren immer noch die Möglichkeit Überschussstrom über Vermarktungsgesellschaften zu vertreiben.