Ein sonniger und zugleich windreicher Feiertag kann das deutsche Stromsystem vor besondere Herausforderungen stellen. Besonders kritisch wird eine Situation, in der die Stromnachfrage deutlich sinkt, etwa auf rund 40 Gigawatt.
Solche Lastwerte sind an Feiertagen durchaus realistisch, da ein großer Teil der Industrieproduktion ruht und viele Gewerbebetriebe geschlossen bleiben. Gleichzeitig kann bei gutem Wetter eine sehr hohe Einspeisung aus erneuerbaren Energien auftreten. Vor allem Photovoltaik und Windenergie erreichen in solchen Stunden häufig hohe Leistungen. In dieser Kombination entsteht die paradoxe Situation, dass nicht ein Strommangel, sondern ein Stromüberschuss zum Problem werden kann.
Wir haben im letzten Jahr schon einmal dieses Szenario beschrieben.
Eine zentrale Rolle spielt dabei der stark gewachsene Photovoltaikbestand in Deutschland.
In den vergangenen Jahren wurden zahlreiche Solaranlagen installiert, insbesondere auf Hausdächern. Diese Anlagen sind von außen in der Regel nicht steuerbar. Man hat bei der Energiewende schlicht vergessen, welche Leistung solche Anlagen erbringen können, wenn sie skaliert werden. An Steuerung dachte niemand oder erst zu spät.
Insgesamt sind inzwischen weit über hundert Gigawatt Photovoltaikleistung installiert, verteilt auf mehrere Millionen Anlagen.
Ein großer Teil dieser Anlagen befindet sich auf privaten oder gewerblichen Dächern und speist dezentral in die Verteilnetze ein.
Diese Struktur bringt gewisse systemische Vorteile, etwa eine breite räumliche Verteilung der Erzeugung. Gleichzeitig erschwert sie jedoch die kurzfristige Steuerung der Einspeisung. Viele dieser kleineren Anlagen sind wie gesagt technisch oder organisatorisch nur begrenzt abregelbar. Sie speisen daher auch dann Strom ein, wenn das Netz bereits sehr hohe Leistungen aus erneuerbaren Energien aufnimmt. Es wird also weiter Strom ins Netz gedrückt, obwohl schon mehr als genug vorhanden ist.
Neben der Photovoltaik gibt es weitere Stromquellen, die aber relativ konstant einspeisen.
Dazu gehören Biomassekraftwerke und Laufwasserkraftwerke. Diese Anlagen liefern häufig eine recht stabile Leistung, die aber nicht ohne Weiteres stark reduziert werden kann. Zusätzlich existieren sogenannte Must-Run-Kapazitäten im konventionellen Kraftwerkspark. Dabei handelt es sich um Anlagen, die aus technischen Gründen nicht beliebig weit heruntergefahren werden können oder deren Betrieb durch andere Anforderungen bestimmt wird. Ein Beispiel sind Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen, die gleichzeitig Strom und Wärme erzeugen und deshalb häufig weiterlaufen müssen, um Wärme für Fernwärmenetze bereitzustellen.
Auch bestimmte Kraftwerksblöcke benötigen eine Mindestleistung, um stabil betrieben werden zu können.
Wenn an einem sonnigen Feiertag mehrere dieser Faktoren zusammenkommen, kann sich eine durchaus kritische Systemlage entwickeln.
Angenommen, die Stromnachfrage liegt bei nur etwa 40 Gigawatt.
Wenn Biomasse, Laufwasser und ähnliche Quellen bereits einige Gigawatt liefern und zusätzlich ein Teil des konventionellen Kraftwerksparks aus Must-Run-Gründen am Netz bleibt, ist ein erheblicher Teil dieser Nachfrage bereits gedeckt.
Kommt nun eine große Menge Photovoltaik hinzu, insbesondere aus vielen nur begrenzt steuerbaren Dachanlagen, kann der verfügbare Spielraum für weitere Einspeisung schnell sehr klein werden. Gleichzeitig kann auch die Windenergie in solchen Situationen hohe Leistungen liefern. Das kann die Situation weiter verschärfen.
In dieser Konstellation entsteht ein möglicherweise großer Überschuss an Strom, der nicht vollständig im Inland verbraucht werden kann. Der Strommarkt reagiert zunächst über die Preise. Wenn zu viel Strom angeboten wird, sinken die Preise an der Strombörse stark und können sogar negativ werden. Negative Strompreise bedeuten, dass Stromproduzenten faktisch Geld bezahlen müssen, damit ihr Strom abgenommen wird. In solchen Situationen versuchen Marktteilnehmer, Strom ins Ausland zu exportieren oder flexible Verbraucher stärker laufen zu lassen. Negative Preise kommen allerdings in einem funktionierenden Markt nicht vor. Es gibt nur sehr seltene Ausnahmen, wo ein Erzeuger Geld bei der Abnahme der Produkte dazugibt.
Deutschland ist Teil des europäischen Stromverbundsystems und kann daher theoretisch Überschüsse in benachbarte Länder exportieren. Diese Möglichkeit hilft häufig dabei, kurzfristige Ungleichgewichte auszugleichen. Allerdings sind auch die internationalen Transportkapazitäten begrenzt. Wenn mehrere Länder gleichzeitig hohe Einspeisungen aus erneuerbaren Energien haben, kann auch der Export nicht mehr beliebig gesteigert werden.
Ähnliche Wetterbedingungen können durchaus in großen Teilen Europas herrschen.
Unsere Nachbarn haben dann das gleiche Problem.
Reicht der Marktmechanismus allein nicht aus, greifen zusätzliche Maßnahmen des Netzbetriebs. Netzbetreiber können Anlagen gezielt herunterregeln, um die Netzstabilität zu sichern. Dieses Vorgehen wird häufig als Redispatch oder Einspeisemanagement bezeichnet. Dabei werden in der Regel zuerst die Anlagen reduziert, die technisch gut steuerbar sind. Große Windparks oder größere Photovoltaik-Freiflächenanlagen lassen sich vergleichsweise schnell drosseln. Der weniger flexible Teil der Einspeisung, etwa aus vielen kleinen Dachanlagen, bleibt dagegen oft weiterhin im Netz.
Die Folge ist, dass gerade die steuerbaren erneuerbaren Anlagen in solchen Stunden besonders stark abgeregelt werden können. Aus wirtschaftlicher Sicht ist das paradox, weil eigentlich genügend erneuerbare Energie vorhanden wäre. Aus Sicht des Netzbetriebs ist es jedoch notwendig, um die Balance zwischen Erzeugung und Verbrauch zu halten. Stromnetze müssen jederzeit im Gleichgewicht betrieben werden. Bereits kleine Abweichungen zwischen Einspeisung und Nachfrage können die Netzfrequenz beeinflussen.
Ein landesweiter Blackout ist in einem solchen Szenario möglicherweise nicht das wahrscheinlichste Ergebnis. Das europäische Verbundnetz verfügt über mehrere Sicherheitsmechanismen, die genau solche Situationen abfangen sollen.
Dazu gehören automatische Regelreserven, Eingriffe der Netzbetreiber und abgestufte Schutzsysteme. Dennoch kann die Lage operativ sehr anspruchsvoll werden.
Besonders in den Verteilnetzen, in denen ein großer Teil der dezentralen Photovoltaik einspeist, können Spannungsprobleme oder lokale Netzengpässe auftreten.
Die Ereignisse in Spanien in 2025 werden dieser Entwicklung zugerechnet.
Langfristig zeigt dieses Szenario, dass der weitere Ausbau erneuerbarer Energien von zwangsläufig zusätzlichen Systemlösungen begleitet werden muss.
Fakt ist, dass diese Lösungen weiteres Geld kosten und die Preise für Strom weiter erhöhen.
Dazu gehören mehr Speicher (trotz Preisverfall immer noch sehr teuer und nicht annähernd ausreichend vorhanden), flexiblere Verbraucher (wobei das eher ein Buzzword ist, welcher Betrieb produziert schon nach Wetterlage?), ein schneller Ausbau (der Zeit und Geld kostet) intelligenter Mess- und Steuertechnik (die ebenso Zeit und Geld kosten) sowie stärkere Netze (auch hier entstehen Kosten). Man könnte auch sagen: es wird teuer.
Je besser Anlagen steuerbar und Netze ausgebaut sind, desto leichter lassen sich solche Überschusssituationen beherrschen.
Es bedeutet aber auch Investitionen und es braucht Zeit bis die Infrastruktur gebaut ist.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass ein sonniger und windiger Feiertag mit niedriger Stromnachfrage das Stromsystem durchaus in eine angespannte Lage bringen kann.
Das Problem besteht dabei nicht in zu wenig Strom, sondern im Gegenteil in einem kurzfristigen Überangebot. Durch Marktmechanismen, internationale Stromflüsse und Eingriffe der Netzbetreiber kann man versuchen, das System in der Regel stabil zu halten. Doch gelten hier technische Grenzen. Deutschland kann z. B. nicht unendlich viel Strom exportieren.
Was bleibt?
Wir können schon wie 2025 nur hoffen, dass über die Frühjahrsfeiertage 2026 das Wetter so wird, dass nicht gleichzeitig viel Wind und viel Sonne da ist. Es würde nämlich zu der angespannten Situation führen.
Dass man sich tatsächlich für Feiertage eher schlechtes Wetter wünscht, das hätte vor 20 Jahren vermutlich auch niemand gedacht.
Wir vermuten, dass Politiker wie Jürgen Trittin solche Entwicklungen nicht einmal ansatzweise betrachtet haben, als er die berühmte Kugel Eis als Kosten der Energiewende ins Spiel brachte. Es steht sogar zu befürchten, dass er es bis heute nicht weiß, denn anders sind viele Äußerungen von ihm zur Energiewende nicht zu begreifen.