Der planetare Thermostat: Warum die globale Temperatur nicht wegeskalierten kann

Von Peter Ibach

Eine faszinierende Theorie des Physikers Peter Ibach erklärt, warum trotz steigender Temperaturen keine unkontrollierte Eskalation droht – und warum die extremen Verhältnisse vergangener Erdzeitalter heute strukturell unmöglich sind.

Der Mechanismus: Konvektion als Kühlregler

In den Tropen wirkt ein natürlicher Klimathermostat. Wird die Meeresoberfläche zu warm – etwa 28-29°C – setzt starke Konvektion ein. Es bilden sich hohe Wolken, die Sonnenlicht reflektieren und Wärme nach oben abführen. Das System begrenzt die weitere Erwärmung effektiv von selbst.

Der Clou: Dieser Mechanismus funktioniert nur richtig über großen, offenen Ozeanen. In halbgeschlossenen Meeren mit wenig Wind und eingeschränktem Wasseraustausch – wie heute im Persischen Golf oder Roten Meer – ist die Wolkenbildung deutlich schwächer. Dort können höhere Temperaturen erreicht werden, obwohl die Sonneneinstrahlung dieselbe ist.

Das Eozän: Ein Planet ohne Thermostat

Im Eozän (vor 56-34 Millionen Jahren) erreichten tropische Meere über 32°C – Temperaturen, die heute als extrem gelten. Der Grund: Die Tropen waren von randmeerartigen Becken dominiert, allen voran die riesige Tethys.

In diesen halbgeschlossenen Strukturen blieb die übliche Selbstkühlung weitgehend aus. Die Konvektion war gestört, Wolkenbildung reduziert, der solare Energieeintrag erhöht. Diese „Konvektionshemmzonen“ fungierten als thermische Hotspots – Wärme akkumulierte sich, konnte aber kaum über atmosphärische Rückkopplung abgeführt werden.

Geometrie bestimmt Grenztemperatur

Ibachs zentrale Erkenntnis: Es sind nicht nur kleine Änderungen im Strahlungsantrieb, die die Oberflächentemperatur bestimmen – sondern die Effizienz des Thermostats selbst. Und diese folgt einem einfachen Prinzip:

Ist die tropische Konvektion näher am Äquator, ist sie effizienter. Die Grenztemperatur der tropischen Warm-Pools sinkt, ab der die Kühlwirkung über Verdunstung, Konvektion und Wolkenbildung eskalierend jeden weiteren Temperaturanstieg begrenzt. Die Hadley-Zelle kontrahiert, es entstehen mehr Wolken – die Kalt-Konstellation.

Ist die Konvektion weiter vom Äquator entfernt, stört die Corioliskraft. Die Konvektion reißt in Cluster auf, wird diffus. Die Grenztemperatur steigt, die Hadley-Zelle verbreitert sich, die Wolken reduzieren sich – die Warm-Konstellation.

Die globale Abkühlung: Als die Meere sich öffneten

Die sukzessive Schließung der Tethys und anderer tropischer Randmeere im späteren Känozoikum korreliert auffällig mit der globalen Abkühlung. Mit der Öffnung großräumiger Zirkulationsräume – Atlantik, südlicher Ozean – wurde die effiziente ozeanisch-atmosphärische Konvektion wiederhergestellt. Der Thermostat kam wieder in Gang. Verstärkte Wolkenbildung, effizienter Wärmetransport – die planetare Selbstkühlung funktionierte wieder.

Heute: Strukturell geschützt

Die moderne Ozeangeometrie ist durch große, offene Becken geprägt. Der natürliche Klimathermostat greift in den Tropen sehr effektiv: hohe Verdunstung, starke Konvektion, intensive Wolkenbildung, effizienter Wärmetransport. Diese Rückkopplungen begrenzen die maximale Erwärmung deutlich.

Das heißt: Die heutige Erde ist strukturell wesentlich besser gekühlt als in Zeiten mit vielen tropischen Randmeeren. Extreme globale Temperaturen wie im Eozän lassen sich deshalb nicht einfach auf die Gegenwart übertragen. Mediale Warnungen vor unkontrolliertem „Wegeskalierten“ der Temperaturen? Durch die Ozeangeometrie und den funktionierenden Thermostat strukturell verhindert.

Ein universeller Mechanismus?

Ibach geht noch weiter: Dieser Mechanismus sei in allen Klimaschwankungen nachweisbar – von den Wechseln der Eiszeit- und Warmzeitalter über Jahrmillionen bis zu den Glazial-Interglazial-Zyklen, Dansgaard-Oeschger-Zyklen, AMO-Zyklen und sogar im saisonalen Jahreszyklus. Immer derselbe Mechanismus der Konvektionseffizienz.

Nicht die Frage „wie viel Forcing“ bestimmt demnach die Temperaturgrenze, sondern „wie effizient ist der Thermostat“. Und dessen Effizienz wird durch die Geometrie der Ozeane und die Breitenlage der Konvektion gesteuert – ein physikalisch gesicherter, empirisch nachweisbarer Mechanismus.

Fazit: Stabilität durch Struktur

Die Theorie liefert eine beruhigende Perspektive: Die asymmetrische Verteilung und offene Struktur der heutigen Ozeane begrenzt die maximale Erwärmung durch effektive Rückkopplung. Der Planet hat einen eingebauten Schutz gegen extreme Eskalation – solange die großräumige Ozeanstruktur erhalten bleibt.

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