Quelle: https://phys.org/news/2026-09-prehistoric-coastal-northern-adriatic.html – University of Southampton, veröffentlicht am 14. September 2026
Eine neue Studie rekonstruiert die Entwicklung der Küstenlandschaft im nördlichen Adriaraum über einen Zeitraum von rund 5.000 Jahren. Untersucht wurde die Region zwischen dem heutigen Norditalien, Slowenien und Nordkroatien. Die Ergebnisse zeigen, wie stark der Meeresspiegelanstieg zwischen etwa 9.000 und 4.000 v. Chr. die Landschaft veränderte und damit auch die Lebensbedingungen der damaligen Menschen beeinflusste.
Heute liegen große Teile dieser ehemaligen Landschaft unter Wasser. Die heutige Lagune von Venedig beispielsweise war einst Festland und befand sich mehrere Kilometer von der damaligen Küstenlinie entfernt. Auch die Umgebung von Grado und Triest sah völlig anders aus als heute. Triest lag damals nicht unmittelbar am Meer, sondern auf Anhöhen, von denen aus sich weiter unten Sumpf- und Lagunenlandschaften erstreckten.
Die Forscher rekonstruierten die untergegangene Landschaft mithilfe von Sedimentbohrungen und hochauflösenden geophysikalischen Untersuchungen. Dabei wurden unterschiedliche Sedimenttypen identifiziert und mit Modellen der damaligen Überflutung kombiniert. So ließ sich nachvollziehen, wie sich Küstenbarrieren, Lagunen, Sümpfe, Flussdeltas und andere Landschaftselemente im Laufe der Jahrtausende landeinwärts verschoben.
Besonders auffällig waren die unterschiedlichen Phasen des Meeresspiegelanstiegs. Um etwa 8.400 v. Chr. stieg der Meeresspiegel vergleichsweise schnell an. Dadurch entstanden Gezeitenkanäle, Sumpfgebiete, Sandbänke und große Lagunen. Danach folgte zunächst eine stabilere Phase.
Eine besonders bedeutende Veränderung ereignete sich in den etwa 1.200 Jahren bis 6.600 v. Chr. In diesem Zeitraum stieg der Meeresspiegel insgesamt um ungefähr acht Meter. Die Küste wurde dabei nicht einfach gleichmäßig überflutet. Vielmehr entstanden immer wieder neue Lagunen und Sumpfgebiete, während ältere Landschaften vom Meer verschlungen wurden. Die Küstenlinie verlagerte sich dabei teilweise um mehrere Kilometer landeinwärts.
Nach 6.000 v. Chr. folgte eine weitere erhebliche Veränderung mit einem Meeresspiegelanstieg von bis zu fünf Metern. Auch jetzt wurden vorhandene Küstenformen überflutet und neue gebildet. Erst nach etwa 5.800 v. Chr. begann sich jene Kombination aus Lagunen und Küstenlandschaften herauszubilden, die in ihren Grundzügen bis heute charakteristisch für die nördliche Adria ist.
Für die Menschen der damaligen Zeit bedeutete diese Entwicklung einen tiefgreifenden Wandel ihrer Lebensgrundlagen. Während des Mesolithikums lebten in der Region Jäger und Sammler. Sie nutzten die unterschiedlichen Lebensräume an der Küste, in Flussmündungen, Lagunen und Feuchtgebieten. Dort fanden sie Fische, Wildtiere und pflanzliche Nahrung.
Mit dem Anstieg des Meeresspiegels verschwanden jedoch immer wieder die von ihnen genutzten Landschaften. Jagdgebiete, Sammelplätze und andere Ressourcen wurden überflutet. Gleichzeitig entstanden an anderer Stelle neue Feuchtgebiete und Lagunen, die wiederum attraktive Lebensräume darstellen konnten. Die damaligen Gemeinschaften mussten deshalb ihre Aktivitäten immer wieder an die sich verändernde Landschaft anpassen.
Die flache Topografie des nördlichen Adriaraums machte die Region besonders anfällig für solche Veränderungen. Schon relativ geringe Änderungen des Meeresspiegels konnten dazu führen, dass große Landflächen überflutet wurden. Die Küstenlinie konnte sich dadurch über beträchtliche Entfernungen verschieben.
Die Studie ist auch deshalb für die Archäologie von Bedeutung, weil ein erheblicher Teil der damaligen Lebensräume heute nicht mehr an Land untersucht werden kann. Die archäologische Forschung konzentriert sich traditionell auf erhaltene Fundstellen an Land. Die jetzt rekonstruierten Landschaften zeigen jedoch, dass ein großer Teil der von den Menschen des Mesolithikums und Neolithikums genutzten Gebiete inzwischen auf dem Meeresboden liegt.
Damit wird der Meeresboden selbst zu einem wichtigen Bestandteil des archäologischen Erbes. Die Forscher betonen, dass sich die Vorgeschichte der nördlichen Adria nicht allein anhand heute sichtbarer archäologischer Fundstätten verstehen lässt. Erst die Verbindung von Geologie, Geophysik und Archäologie ermöglicht es, die inzwischen überfluteten Landschaften wieder sichtbar zu machen.
Die Rekonstruktion könnte künftig auch dabei helfen, gezielt nach archäologischen Fundstellen unter Wasser zu suchen. Wenn bekannt ist, wo sich beispielsweise ehemalige Flussufer, Lagunen, Sumpfgebiete oder trockene Landflächen befanden, können diese Bereiche gezielter auf Spuren menschlicher Besiedlung untersucht werden.
Besonders interessant ist dabei die Frage, wie die zunehmende Überflutung der Landschaft mit dem Übergang vom Jäger-und-Sammler-Leben zur Landwirtschaft zusammenhing. Die Landwirtschaft breitete sich in der Region während des Neolithikums aus. Weitere Untersuchungen sollen deshalb klären, ob und in welchem Umfang die fortschreitende Überflutung der Küstenlandschaften die räumliche Verteilung und die Lebensweise der damaligen Bevölkerung beeinflusste.
Die Studie macht damit deutlich, dass die heutige Küste der nördlichen Adria keineswegs eine unveränderliche Landschaft darstellt. Ein erheblicher Teil ihrer heutigen Form entstand erst nach mehreren Jahrtausenden wiederholter Überflutung, Verlagerung und Neubildung von Küstenlandschaften. Unter der heutigen Adria liegt deshalb eine weitgehend unsichtbare prähistorische Landschaft, die einst von Menschen bewohnt und genutzt wurde.
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Different stages across the 5,000-year timeline include:
- A rapid rise in sea level around 8,400 B.C., creating tidal channels, marshes, sandbanks and large lagoons—followed by a more stable phase.
- A large rise totaling eight meters (26 feet) in the 1,200 years leading to 6,600 B.C., with the sea repeatedly creating, subsuming and recreating lagoons and marshes—pushing kilometers inland.
- A major rise of up to five meters (16 feet) after 6,000 B.C., again shifting coastal features.
- The formation, after 5,800 B.C., of the origins of the lagoons and landscape we see today.
Paper: Samuele Ongaro et al, Palaeolandscape reconstructions for the Northern Adriatic: Inundation models, depositional environments, and potential archaeological implications, Quaternary Science Reviews (2026). DOI: 10.1016/j.quascirev.2026.110206