Saubere Luft, dünnere Wolken? Ein jahrhundertealtes Rätsel rund um die Umweltverschmutzung

Quelle: ausgeschriebene URL: https://sciencex.com/news/2026-05-air-thinner-clouds-century-pollution.html, veröffentlicht bei Science X, Mai 2026

Eine neue Studie, über die Science X berichtet, kommt zu dem Ergebnis, dass die Luftverschmutzung bereits vor der eigentlichen Industrialisierung deutlich höher gewesen sein könnte als bisher angenommen. Forschende vermuten, dass frühe Kohleverbrennung, Holzfeuer und andere menschliche Aktivitäten insbesondere in Regionen wie Großbritannien und dem Südosten der USA schon im 18. und frühen 19. Jahrhundert große Mengen feiner Partikel in die Atmosphäre freisetzten. Diese Erkenntnis ist wichtig, weil solche Partikel einen erheblichen Einfluss auf die Bildung und Helligkeit von Wolken haben.

Im Mittelpunkt der Untersuchung stehen sogenannte Aerosole – winzige Partikel wie Ruß, Sulfate oder Staub, die in der Luft schweben. Diese Partikel dienen als Kondensationskerne, an denen sich Wassertröpfchen bilden können. Sind viele Aerosole vorhanden, entstehen Wolken mit zahlreichen kleinen Tröpfchen statt weniger großer. Solche Wolken reflektieren mehr Sonnenlicht zurück ins All und wirken dadurch kühlend auf das Klima. Dieser Mechanismus ist in der Klimaforschung als „Twomey-Effekt“ bekannt.

Bisherige Klimamodelle vergleichen die heutige Atmosphäre meist mit einer angenommenen sehr „sauberen“ vorindustriellen Atmosphäre. Die neue Studie stellt diese Annahme jedoch infrage. Wenn die Luft bereits vor der modernen Industrialisierung stärker belastet war als gedacht, dann wäre der Unterschied zwischen damals und heute geringer. Damit könnte auch der kühlende Effekt der menschlichen Luftverschmutzung überschätzt worden sein.

Das hat weitreichende Folgen für das Verständnis des Klimawandels. Aerosole wirken gewissermaßen als Gegenpol zur Erwärmung durch Treibhausgase, weil sie über die Wolkenbildung einen Teil der Sonnenstrahlung reflektieren. Viele Forschende gehen davon aus, dass dieser Effekt einen beträchtlichen Anteil der menschengemachten Erwärmung bislang abgeschwächt hat. Wenn dieser Kühleffekt kleiner ist als bisher angenommen, könnte das bedeuten, dass die tatsächliche Klimasensitivität höher liegt oder dass frühere Modelle angepasst werden müssen.

Der Artikel verweist außerdem auf aktuelle Beobachtungen aus der Schifffahrt. Neue Vorschriften für sauberere Schiffskraftstoffe haben in den vergangenen Jahren den Schwefelgehalt der Abgase deutlich reduziert. Dadurch gelangen weniger Aerosole in die Atmosphäre, was in manchen stark befahrenen Meeresregionen bereits zu dünneren und weniger reflektierenden Wolken geführt hat. Satellitenmessungen zeigen, dass selbst vergleichsweise kleine Änderungen bei den Aerosolemissionen spürbare Auswirkungen auf Wolken und Strahlungsbilanz haben können.

Die zugrunde liegende Studie erschien in der Fachzeitschrift Geophysical Research Letters unter dem Titel „Sensitivity of Anthropogenic Cloud Droplet Number Change to Preindustrial Emission Inventories and Physics Parameterizations“ von Hunter Y. Brown und Kollegen. Die Arbeit unterstreicht, dass die Wechselwirkungen zwischen Aerosolen, Wolken und Klima weiterhin zu den größten Unsicherheiten der Klimaforschung gehören. Ein besseres Verständnis historischer Luftverschmutzung könnte helfen, zukünftige Klimaentwicklungen präziser vorherzusagen.

Weiterlesen: https://sciencex.com/news/2026-05-air-thinner-clouds-century-pollution.html

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