Wie der „Christjunge“ im Ostpazifik unseren vorhergehenden Sommer NICHT bestimmt 

Von Frank Bosse

Es gab in den letzten Tagen immer mehr solcher Schlagzeilen wie diese im „Focus“: 

„El Nino könnte uns einen Sommer der Extreme bescheren“  

Um solche Überschriften einzuordnen, sei hier zunächst kurz der Mechanismus des „El Nino“ (übersetzt: der „Christjunge“) erläutert. Das, was am Ende beobachtet wird, ist ein heftiger Temperauranstieg des tropischen Pazifiks, besonders in einem Gebiet, das „Nino 3.4“ genannt wird:  

Quelle 

Woher kommt die erforderliche Wärme dafür? Eigentlich ist es da eher kühl nur bei solchen sporadischen Ereignissen immer zum Ende eines Jahres hin (daher der Name) fahren ab und zu die Meerestemperaturen (SST) Achterbahn. Was passiert in den Zwischenzeiten?  
Der Passatwind weht nördlich und südlich der im Bild gezeigten Gebiete immer von Ost nach West. Sie übertragen ihre Kraft ähnlich Bürsten in einer Waschstraße auch auf das Oberflächenwasser, es wird über die halbe Weltkugel in den Tropen Richtung Asien und Australien verfrachtet und wärmt sich immer mehr auf unter der tropischen Sonne. Weiter geht es nicht, dort ist Land. Vor den Küsten da werden so die höchsten Wassertemperaturen der Erde gemessen, das warme Wasser wird auch in größere Tiefen gedrückt. Es ist der „Indopazifische Warmpool“ (IPWP).  
Immer mehr sehr warmes Wasser kommt an vom offenen Pazifik und es muss im Westen vor Amerika ersetzt werden. Daher wird dort aus größerer Tiefe Wasser nach oben gesaugt, es ist dort relativ kühl an der Oberfläche. Es entsteht im IPWP ein „Wasserberg“, der Meeresspiegel ist dort deutlich höher als im Westen. „Wasser und Berge“- dagegen hat auch die Schwerkraft etwas, sie will ausgleichen. Weht nun der Antrieb (Passatwinde) durch Wetter weniger stark, so siegt sie über den Wind. Ein Ausgleich bahnt sich an. Er passiert zunächst unter Wasser: Es wird warmes Wasser zurück nach Osten transportiert. Eine solche Situation sehen wir auch gegenwärtig:  

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Während es an der Oberfläche kaum stärkere Temperatur-Anomalien gibt, sehen wir in der Tiefe deutlich wärmeres Wasser als normal, bis hin zur Amerikanischen Küste. Wenn im Folgenden die Atmosphäre mit den Luftdruckverteilungen für den Passatwind “mitspielen“, so wird nicht mehr kühles Tiefenwasser im Osten angesaugt, sondern das Wasser, deren Wärme ursprünglich vom IPWP stammt auf der Oberfläche verteilt. Ein El Nino findet statt. Das sah z. B. Ende 2015 so aus:  

Quelle 

Das Ganze spielte sich auf der Erde schon immer ab, seitdem der Passatwind weht. Es ist ein natürliches Phänomen, vergleichbar einem „Entladungsgewitter“ bei uns im tropischen Pazifik.  
Es ist sehr jahreszeitlich, die Temperaturkurve der Nino 3.4 Gewässer sah im Jahre 2015 so aus, typisch für alle El Nino-Ereignisse: 

 Quelle 

Es steigert sich ab April und erreicht das Maximum erst Ende des Jahres. Danach bauen sich die Temperaturen schnell wieder ab.  

Welche globalen Folgen hat das? Es verändern sich Niederschlags- und Temperaturmuster in dieser Weise: 

Quelle 

Oben ist die Korrelation des globalem (Land) Niederschlags mit El Nino gezeigt. Es regnet mehr z.B. im Süden der USA, in Südamerika und Osten Afrikas. Weniger in Australien und in Teilen des nördlichen Südamerikas auch im Amazonasgebiet. Das hat Auswirkungen z. B. auf die Kaffee- Ernten. Bei den Temperaturen (unten) im Sommer (darum ging es ja in den Meldungen zu Beginn) sehen wir Schübe in den Tropen, auch Fernwirkungen in Alaska. In Europa und Umgebung: gar nichts!  

Mit diesem Wissen ausgestattet ist es für Sie als Leser nun ein Leichtes, Dichtung und Wahrheit der Meldungen zu identifizieren:  

Im „Focus“ (wiederholt auch im „Berliner Kurier“) mit der Überschrift: 

Globales Wetter-Phänomen bringt uns einen brütend heißen Sommer, erwarten Meteorologen.“ 

Schauen Sie auf die Null-Korrelation in Europa seit 1950 und Sie haben die passende Antwort: Völliger, von keinen Daten gestützter Unfug!  

Es wird ein gewisser Jan Schenk als Meteorologe zitiert, der sagt:  

„Vor allem der Juli könnte laut Prognosen sehr heiß werden. „Juli könnte ein richtig heißer Monat werden“, so Schenk. Auch der Juni dürfte warm starten, die Hitze kann sich im Sommer weiter verstärken.“  

Markige Sätze, die Evidenz ist null!  

Das bestätigt er selbst mit diesem Satz im “Focus Artikel”:  

“Als Vergleich nennt der Meteorologe das Jahr 2018 – ein außergewöhnlich heißer Sommer.” 

Im Jahre 2018 sahen wir gar keinen El Nino, es waren neutrale Bedingungen im Pazifik.  

„Die Sommertemperaturen hier hängen überhaupt nicht von El Nino ab!“, das ist die Datenlage.  

Auch in „Bild“ wird es nicht viel besser! In einem Video wird Karsten Brandt interviewt und es schwant schon Unheil, über seine „Popkultur“ bei solchen Fragen hatten wir schon berichtet.   

Er macht nicht ganz so viel falsch bis Min. 2:00, er kommt dann auf den Mittelmeerraum zu sprechen und meint: „Dort wird es sehr warm!“  

Ja, das ist zu erwarten, im Sommer ist das so, nur hat das mit El Nino auch gar nichts nichts zu tun! Das wäre die Antwort des kundigen Lesers dieser Zeilen, wenn er die Korrelation in der unteren Hälfte des letzten Bildes anschaut: Null!  

Auf Deutschland bezogen verweist Brandt dann auf den Atlantik „zwischen Irland und den Azoren“, er sei sehr warm. Ein Blick auf die Realitäten im April da (25°W-0°W; 35°N-50°N): 

Quelle 

zeigt: In den Vorjahren war es wärmer, im April 2026 ist es recht „normal“ für die Jahre ab 2000.  

Auch hier: wilde Vermutungen zum Sommer durch Karsten Brandt ohne jede empirische Grundlage! 

Keiner kann im April das Sommerwetter auch nur annähernd seriös vorhersagen!   

Das gilt für alle Mutmaßungen, auch betreffs El Nino und seine Wirkung in Europa. Ganz abgesehen davon, dass es auch unmittelbar zu ihm noch vieles Spekulation bleibt: Erst ab Juni werden die Vorhersagen verlässlicher, es gibt eine „Frühjahrsbarriere“ für alle Vorhersagen.  
 
Im Jahr 2024 scheiterte der Kriminal-Biologe Mark Benecke schon einmal spektakulär mit einer solchen Prognose (Höllensommer) für den Sommer in Frühjahr. Wir berichteten

Sehr viel Lärm um Nichts. Leider zu oft in „klickgeilen“ Medien!    

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