Von Frank Bosse
So etwa konnte man die Meldung interpretieren, die da am Mittag des 10. März 2026 über die Ticker ging. In ihrer Eigenschaft als Präsidentin der EU ließ Ursula von der Leyen die Bombe platzen. Auf einer Tagung bei Paris sprach sie von „einem strategischen Fehler“ aus der Kernkraft auszusteigen. Vielmehr stellte sie die nun als „zuverlässig“ und „erschwinglich“ und „Quelle von Energie mit geringen Emissionen“ heraus. Zu Zeiten der Diskussionen in Deutschland nach 2011 war sie noch strikt gegen Kernkraft eingestellt, offensichtlich hat sie dazu gelernt. Das ist eine positive Eigenschaft. Vielleicht hat sie auch vom IPCC AR6 2021 gelernt, der stets den Weg zu weniger Emissionen in einer Kombination von Kernenergie und erneuerbarer Energie (EE) sah, ganz so, wie es Frankreich seit langem in Europa vormacht und damit sehr erfolgreich ist. Der CO2- Emissionskoeffizient liegt dort um den Faktor von ca. 10 unter dem von Deutschland.
Wie kam es zu diesem Kurswechsel in Europa? Noch im Januar 2022 hat die Bundesregierung heftig gegen die Einstufung der Kernkraft als nachhaltig opponiert:
„Aus Sicht der Bundesregierung ist Atomenergie nicht nachhaltig. Deshalb lehnen wir eine Aufnahme in den delegierten Rechtsakt unter der Taxonomie-VO ab.“
Und nun beschließt die EU das ganze Gegenteil, will Kernkraft gar fördern (wie auch EE gefördert wird, weil im Interesse von Klimazielen) und Deutschland als führende Macht ist nicht dabei?
Das muss erstmal verdaut werden, auch medial. Zu sehr hatte man sich an Kernkraftverhinderung gewöhnt. Dass dabei seit 6 Jahren kein wirklicher Fortschritt bei der Emissionsreduzierung erzielt wurde, blendete man schlicht aus. Wir berichteten noch im März 2026 über diesen schlimmen Zustand von EE seit 2019 offenbar als Selbstzweck.
Nun also recht überraschend die Kehrtwende. Sie war nichtsdestotrotz überfällig, denn der Wettlauf in die Sackgasse wird von dem gewonnen, der zuerst umkehrt. Deutschland macht erstmal nicht mit.
Kanzler Merz hält den Ausstieg (subjektiv) für irreversibel. Es wird sich zeigen, ob der Rest von Europa recht behält oder Deutschland das in Wahrheit „aufrechte“ Land ist, für das offenbar andere Naturgesetze gelten. Es könnte auch schwierig sein, die vielen „Argumentationsketten“ von Anti-Atom-Vertretern schnell genug aus den Köpfen zu bekommen. Ein abschreckendes Beispiel lieferte ein weiteres Mal der Rundfunksender „Radio Eins“ des RBB. Am späten Nachmittag des denkwürdigen 10. März 2026 sendete der ein Interview mit dem „Atomkraftexperten“ Mycle Schneider. Es ist hier zu hören. Wer ist der Mann? Ein Blick in Wikipedia bringt Erleuchtung:
„…ist ein deutscher Energie- und Atompolitikberater und Anti-Atomkraft-Aktivist. Er trägt keine akademischen Titel, sondern hat sich sein Wissen zur Kernenergie als Autodidakt erarbeitet.[1] Er steht der zivilen Nutzung der Kernenergie dezidiert ablehnend gegenüber…“
In seiner Vita steht auch, dass er nach seinem Abitur überhaupt keine Ausbildung durchlaufen hat, sondern gleich in Richtung Aktivismus schwenkte. Von einem „Experten in Atomkraft“ sollte man eigentlich erwarten, dass er sich zumindest auf irgendeine Ausbildung nahe seines „Fachgebietes“ stützen kann: In Deutschland offenbar bisher völlig unnötig, wenn man nur den „Anti-Atomkraft-Aktivisten“ geben kann. Mit diesem Mann zu reden über eine neue Nutzung der Kernkraft ist bei Licht besehen etwa so, als verhandelte man mit Fröschen über die Trockenlegung von Sümpfen. So geht denn auch die erste Frage des Interviews im Radio forsch an die Wand: die nach der neuen Nutzung in Japan. Schneider ergeht sich in wilden Vermutungen darüber, dass die Betreiber nur nicht auf den Abrisskosten sitzen bleiben wollen und daher gefördert werden wollen. Das ganze Gegenteil ist der Fall: Nach dem Unfall (ohne auch nur FÜNF Strahlenopfer) im Jahre 2011 in Fukushima begann man mit dem Wiederanfahren schon im Jahre 2015. Seitdem wurden 9 weitere Kernkraftwerke in Betrieb genommen, man produziert bis zu 8% der Energie wieder mit Kernkraft und hat vor, daraus bis 2030 wieder 20-22% zu machen, sagt diese Quelle.
Da steht nichts auf „Abriss“, wofür man Förderung sucht! Ein „Schneidersches Hirngespinst“!
Das Interview ist auch ein Musterbeispiel dafür, wie hier der öffentlich-rechtliche Rundfunk Meinung zu machen versucht: Das Einladen von jahrelangen Pseudo-Experten mit bekannt starkem (NUR) Meinungsbias, um den Hörer zu beeinflussen. Große Teile der Politik machen dabei munter mit! So werden wir wohl in den nächsten Tagen eingedeckt mit solchen Meinungen, selten von realen Experten zum Thema. Eine wirkliche Kennerin in Reaktorsicherheit ist Anna Veronika Wendland und die stellt in „Welt“ (Bezahlschranke) heraus, dass alle anderen Methoden der Energieerzeugung viel gefährlicher sind als Kernkraft:
„Kernenergie verursacht pro erzeugter Terawattstunde sehr geringe Treibhausgasemissionen und eine deutlich niedrigere Todesrate als Kohle, Öl oder Gas – also jene Stromerzeugungsformen, die in Deutschland unhinterfragt weiterhin als Backup eingesetzt werden.“
Der Artikel fasst zusammen:
„Wer aus Angst vor Strahlung auf Kernenergie verzichtet, entscheidet sich nicht für Sicherheit, sondern für andere, oft gröbere Risiken. Nämlich Risiken für das Klima, für die Gesundheit und für die Stabilität unserer Energieversorgung.“
Nichts ist ganz ohne Risiko! Wer das von einer Energie-Umwandlungsmethode fordert, förmlich Gespenster an die Wand malt, und bei anderen die offenkundigen Nachteile kleinredet und die Erfüllung von Minimalzielen wie eine auch spürbare Senkung des CO2-Emisionskoeffizienten seit 2020 bei der Energieproduktion immer wieder mal so locker auf den Sankt-Nimmerleinstag verschieben möchte, der handelt einfach nur unredlich. So kann man die „Argumente“ einer wohl etablierten Anti-Atomlobby in Deutschland gut zusammenfassen. In Wahrheit ist das wohl ein Zug in die Vergangenheit. Der in Richtung Zukunft ist in Europa am 10. März 2026 losgerollt.