Die Physik-Falle: Warum Deutschlands Gasspeicher voller erscheinen, als sie wirklich sind

Bei 25 Prozent Füllstand beruhigt die Bundesnetzagentur. Die Reservoirphysik sagt etwas anderes. Eine Erklärung, warum Prozente auf dem Papier und Leistung an der Bohrung zwei sehr verschiedene Dinge sind.

Sie erinnern sich noch? Als im Winter 2022 das Wort „Gasspeicher-Füllstand“ in jede deutsche Nachrichtensendung Einzug hielt, da lernte die Republik eine neue Lieblingszahl: Prozent. 80 Prozent im November, 30 Prozent im Februar – so will es die Gasspeicherfüllstandsverordnung, und so beruhigt man ein Volk. Doch hinter den beruhigenden Prozentzahlen lauert ein physikalisches Problem, über das in der öffentlichen Debatte beharrlich hinwegmoderiert wird. Denn ein Gasspeicher ist kein Tank, aus dem man gleichmäßig zapft, bis er leer ist. Er ist ein geologisches System, das seinen eigenen Gesetzen gehorcht. Und diese Gesetze sind gerade dabei, Deutschland eine unangenehme Lektion zu erteilen.

Ein Blick auf die Zahlen, die keiner nennen will

Stand 12. Februar 2026 liegen die deutschen Gasspeicher bei exakt 25,17 Prozent – das entspricht rund 63 Terawattstunden. Zum Vergleich: Im Februar 2024 waren es noch 76 Prozent, im Februar 2025 immerhin 58 Prozent. Wir befinden uns auf dem niedrigsten Februar-Wert seit Beginn der AGSI+-Aufzeichnungen, und die gesetzliche Mindestvorgabe von 30 Prozent zum 1. Februar wurde verfehlt. Die Initiative Energien Speichern (INES), deren 17 Mitglieder für 90 Prozent der deutschen Speicherkapazität verantwortlich zeichnen, spricht von einem „historisch niedrigen Niveau“. Seit Juli 2025 gilt die Frühwarnstufe.

Und was sagt die Bundesnetzagentur? Die Versorgungslage sei „stabil“ und die Versorgungssicherheit „gewährleistet“. Man verfüge über „unterschiedliche Importmöglichkeiten“, Pipeline-Gas aus Norwegen, LNG-Terminals, dazu die Umstellung der Gasflüsse von Ost-West auf Nord/West-Ost. Die Botschaft: Alles unter Kontrolle.

Was in dieser Einordnung fehlt, ist die Physik.

Der Gasspeicher ist kein Tank

In Deutschland existieren rund 40 Speicherstandorte, und ihre Funktionsweise unterscheidet sich fundamental. Etwa zwei Drittel der Speicherkapazität entfallen auf sogenannte Porenspeicher – ehemalige Erdgaslagerstätten, in denen Gas in porösem Sandstein unter hohem Druck gespeichert wird. Das restliche Drittel sind Kavernenspeicher, künstlich geschaffene Hohlräume in Salzstöcken. Der Unterschied ist nicht akademisch, er ist betriebsentscheidend.

Kavernenspeicher funktionieren annähernd so, wie sich der Laie einen Gasspeicher vorstellt: hoher Entnahmedruck bis fast zum Ende, sehr schnelle Ausspeicherung, ideal für Spitzenlasten. Porenspeicher hingegen verhalten sich fundamental anders. In ihnen muss das Gas durch poröses Gestein zur Förderbohrung fließen – und wie schnell das geschieht, hängt nicht vom guten Willen der Bundesnetzagentur ab, sondern von einem Gesetz, das der französische Ingenieur Henry Darcy bereits 1856 formulierte.

Darcy statt Habeck: Was die Ausspeicherung wirklich bestimmt

Das Darcy-Gesetz beschreibt den Volumenstrom durch poröses Gestein. Vereinfacht gesagt: Die Menge an Gas, die pro Zeiteinheit aus einem Porenspeicher gefördert werden kann, ist proportional zum Druckunterschied zwischen Reservoir und Förderbohrung. Je voller der Speicher, desto höher der Druck, desto schneller fließt das Gas. Je leerer der Speicher, desto niedriger der Druck – und desto weniger Gas kommt am Ende der Leitung an.

Nun enthält jeder Porenspeicher zwei Gasarten: das Arbeitsgas, das tatsächlich entnommen werden kann, und das sogenannte Kissengas, das permanent im Speicher verbleiben muss, um den Minimaldruck aufrechtzuerhalten. Die Bundesnetzagentur weist sogar selbst darauf hin, dass bei der Berechnung der Füllstände das Kissengas nicht berücksichtigt wird und die ausgewiesene Kapazität „nicht immer den physikalischen Möglichkeiten“ entspricht. Ein bemerkenswerter Satz, der in keiner Tagesschau-Meldung vorkommt.

Die 20-Prozent-Schwelle: Keine magische Zahl, aber ein physikalisches Faktum

Wenn politische Kommentatoren über Speicherfüllstände sprechen, dann reden sie über Energiemengen. Was sie nicht verstehen – oder nicht verstehen wollen – ist der Unterschied zwischen gespeicherter Energie und abrufbarer Leistung. Ein Speicher kann noch 25 Prozent Füllstand ausweisen und dennoch nicht mehr in der Lage sein, die benötigte Tagesleistung zu liefern.

Bei vielen Porenspeichern liegt im Bereich um 20 Prozent Füllstand die Grenze, an der sich der Minimalbetriebsdruck nähert. Die Entnahmeleistung kann dann auf 30 bis 50 Prozent der Maximalleistung fallen. Gleichzeitig steigt die Gefahr von Wasserzutritt, Druckinstabilitäten und technischen Begrenzungen an den Verdichtern. Man hat also noch Gas im Boden – aber man bekommt es nicht schnell genug heraus, wenn plötzlich viel gebraucht wird.

Das ist kein Alarmismus. Das ist Reservoirphysik.

Warum es auf den kältesten Tag ankommt

Deutschland verbraucht an milden Wintertagen rund 3 Terawattstunden Erdgas, an kalten Tagen bis zu 5 Terawattstunden. Pipeline-Importe aus Norwegen und die LNG-Terminals liefern relativ konstante Mengen. Die Flexibilität, die Differenz zwischen Grundversorgung und Spitzenbedarf abzufangen, liegt bei den Gasspeichern. Genau hier wird die Physik-Falle sichtbar.

Es geht nicht um die Frage, ob das Gas bis März reicht. Es geht um die Peak-Lieferfähigkeit an sehr kalten Tagen. Wenn bei einer plötzlichen Kältewelle der Bedarf sprunghaft ansteigt und die druckarmen Porenspeicher nicht mehr nachliefern können, bleibt nur eine Option: kurzfristig teures LNG auf dem Spotmarkt nachkaufen. Wer sich an die Gaspreisexplosionen des Winters 2022 erinnert, weiß, was das bedeutet. Die INES formuliert es diplomatisch: Ein Gasmangel zeige sich „zunächst durch Preissteigerungen auf dem Großhandelsmarkt“ – und „erste Preissteigerungen sind bereits zu beobachten“.

Das bayerische Problem

Besonders brisant ist die Lage in Bayern. Alle vier bayerischen Speicher – Bierwang, Breitbrunn, Inzenham-West und Wolfersberg – sind Porenspeicher. Große Kapazität, aber träge Ausspeicherung und besonders stark druckabhängig. Für diese Anlagen gelten sogar verschärfte Mindestfüllstände von 40 Prozent zum 1. Februar, was die regulatorische Anerkennung des Problems immerhin andeutet. Dass der für Süddeutschland hochrelevante Großspeicher Haidach in Österreich, an dem Deutschland zu rund 50 Prozent Zugriff hat, noch bei knapp 59 Prozent liegt, entschärft die Situation etwas – löst aber das grundsätzliche Problem der druckabhängigen Porenspeicherleistung nicht.

Die politische Leerstelle

Was in der gesamten Debatte um Gasspeicher-Füllstände auffällt, ist die systematische Verwechslung von Menge und Leistung. Die gesetzlichen Vorgaben der Gasspeicherfüllstandsverordnung regeln Prozente. Was sie nicht regeln, ist die Frage, welche Ausspeicherleistung bei welchem Füllstand noch zur Verfügung steht. Eine Lücke, die nicht zufällig besteht, denn ihre ehrliche Beantwortung würde unbequeme Fragen aufwerfen: über die Zusammensetzung des Speicherportfolios, über die strukturelle Abhängigkeit von Importen, über die Verletzlichkeit eines Systems, das seine Flexibilitätsreserven leichtfertig aufbraucht.

Die Bundesnetzagentur betont zu Recht, dass die Gasversorgung nicht allein von Speichern abhängt. Das ist korrekt. Aber es ist auch nur die halbe Wahrheit. Denn in dem Moment, in dem eine mehrtägige Kältewelle auf niedrige Speicherstände trifft, in dem Porenspeicher physikalisch nicht mehr liefern können, was der Markt braucht – in genau diesem Moment entscheidet sich, ob die vielzitierte „Diversifizierung der Importwege“ tatsächlich funktioniert oder nur ein Versprechen für milde Winter war.

Fazit

Die Physik-Falle ist real. Unter 20 Prozent Füllstand sinkt die Entnahmeleistung der Porenspeicher spürbar, unter 25 Prozent nähern sich viele Anlagen bereits ihrem Minimalbetriebsdruck. Das bedeutet nicht zwingend einen Versorgungsausfall. Aber es bedeutet: höhere Preisvolatilität, geringere Flexibilität, mehr Abhängigkeit von Importen und – im Extremfall – industrielle Lastabschaltung bei anhaltender Kälte.

Deutschland hat derzeit 63 Terawattstunden in seinen Speichern. Das klingt nach viel. Die Frage ist nur: Wie schnell bekommt man sie heraus, wenn man sie braucht?

Henry Darcy hätte die Antwort gewusst. In der Bundesnetzagentur scheint man sie lieber nicht zu stellen.

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Quellen:

[1] Bundesnetzagentur: Aktuelle Lage Gasversorgung, Verlauf der Speicherfüllstände https://www.bundesnetzagentur.de/DE/Gasversorgung/aktuelle_gasversorgung/start.html

[2] AGSI+ / Gas Infrastructure Europe: Tagesaktuelle Speicherfüllstände https://agsi.gie.eu/

[3] Initiative Energien Speichern e.V. (INES): Gas-Szenarien Winter 2025/2026 https://www.ines-initiative.de/

[4] Gasspeicherfüllstandsverordnung, § 1 i.V.m. § 35a ff. EnWG

[5] Darcy, H. (1856): Les fontaines publiques de la ville de Dijon

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