Von Frank Bosse
Das letzte Mal wurde das Phänomen hier im Juli 2025 beleuchtet. Seit dem ersten Halbjahr 2023 zogen alle Indikatoren sehr stark an: Die globalen Bodentemperaturen, auch die Temperaturen der Meeresoberflächen (SST). Üblich verdächtige Medien hatten sofort DIE Erklärung: Treibhausgase und El Nino sind schuld.
Das wird in der Klimaforschung allerdings zurecht etwas anders gesehen. Im Juli 2025 war auf diesem Blog z.B. nachzulesen:
„Dann jedoch erfolgte wohl die „Impulsantwort“ des Klimasystems: Im September 2023 wurde gegenüber dem Mittel von 2022 eine zusätzliche Erwärmung von 0,58 °C festgestellt. Das ganze Jahr 2024 hielt sich ein erhöhtes Niveau von 0,39°C gegenüber 2022. Das ist NICHT mit dem graduell wachsenden Antrieb durch Treibhausgase etc. zu erklären! Zwischen 1980 und 2020 gab es eine Erwärmung von 0,018 °C /Jahr, nun sollten es auf einmal in den Jahren 2022-2024 Faktor 10 so viel sein? Das war immer völlig unwahrscheinlich!“
Nun ist mehr Zeit ins Land gegangen und wir wollen einen Blick auf die globalen SST werfen:

Das Bild wurde mit dem KNMI Climate Explorer generiert.
Ende 2025 sind wir bei den SST wieder etwa auf dem Niveau von Anfang 2020 angelangt, was bei Treibhausgaswirkung (wärmend) allein unmöglich ist.
Dass der El Nino in 2023 so viel Wirkung haben konnte, hatten wir im Juli-Artikel auch schon verworfen, das hätte gegen die Kausalität der Wirkung von ENSO verstoßen.
Eine gute Zusammenfassung des aktuellen Wissensstandes liefert der Autor Javier Vinos auf dem Blog von Judy Curry. Ein Blick darauf und die dort verlinkte Literatur sei ausdrücklich empfohlen. Es ist dort auch herausgestellt, dass die Erwärmung nach 2023 in hohem Maße durch vermehrte Sonneneinstrahlung am Boden erzeugt wurde. Es wird u.a. auf diese Arbeit verwiesen, die in ihrer Abb. 3 auch die Abweichungen vom Mittel des Anteils niedriger Wolken zeigt:

Man beachte den starken Rückgang ab 2023 (rote Farbtöne). Das bedeutet, dass weniger Sonnenlicht von Wolken reflektiert wird und so stark erwärmend wirkt.
In der zitierten Arbeit vom Dezember 2024 wird noch gemutmaßt, dass diese „Wolkenverdünnung“ auch eine Reaktion auf die Erwärmung durch Treibhausgase sein könnte, dann sähen wir ein recht plötzlich besorgniserregendes starkes positives „Wolkenfeedback“. Nach einem Jahr kann da wohl nun Entwarnung gegeben werden, sonst wäre der fallende Verlauf der Meerestemperaturen nicht erklärlich. Auch die Reduktion von Abgasen beim Schiffsverkehr durch ein Gesetz nach 2020 konnte nur einen winzigen Beitrag zum Anstieg leisten und erklären auch nicht den folgenden Abfall der Temperaturen nach 2024.
Vinos bemerkt auch zurecht, dass es sehr viele Arbeiten gibt, die den ansteigenden Teil der Kurve im ersten Bild zum Thema haben, praktisch (noch?) keine, die sich mit Ursachen des abfallenden Teils des Graphen beschäftigen. Dabei ist der nicht weniger interessant.
Am Ende schält sich auch für ihn ein „Hauptkandidat“ für die schlüssige Erklärung des ganzen Vorgangs heraus: Der „Wasservulkan“ Hunga-Tonga-Hunga im Januar 2022. Im Juli-Artikel hier wurde das auch gefolgert:
„Nur spricht die Wahrscheinlichkeit für einen Verlauf, der doch durch den Unterwasservulkan-Ausbruch mit sehr viel Wasserdampfeintrag in die Stratosphäre (bisher unerreichte Mengen, folgt man dieser Arbeit) in großen Maßen bestimmt wurde.“
Vinos schreibt in der Zusammenfassung ähnliches:
“The only known extraordinary factor is the eruption of Hunga Tonga.
According to Occam’s razor, a climatic event of unparalleled magnitude in modern records requires an exceptional cause. The factors responsible for normal climate variability are insufficient. The only extraordinary factor preceding the 2023 event was the explosion of the Hunga Tonga underwater volcano. The 150 megatons of water vapor that it released into the stratosphere are without precedent in our records.“
Dabei ist der eigentliche Strahlungsantrieb durch den stratosphärischen Wasserdampf wohl nicht der entscheidende Punkt, entscheidend sind Rückkopplungen im Klimasystem, sehr wahrscheinlich taten die etwas mit der Wolkenbedeckung und das hatte diese Auswirkungen auf die globalen Temperaturen.
Die Moral von der Geschicht‘? Unser irdisches Klimasystem ist hoch komplex, es gibt noch viele unbekannte Wirkungsketten, von denen auch Fachleute überrascht werden.
Ähnliches finden wir beim Meereis in der Antarktis. Erst im November 2025 las man dazu auch einen Bericht des Deutschlandfunks. Dort stand:
„Seit Beginn der Satellitenbeobachtung zeigte die antarktische Meereisausdehnung keine bedeutenden Änderungen. Doch zwischen 2015 und 2017 verlor die Antarktis rund vier Millionen Quadratkilometer ihrer winterlichen Meereisbedeckung. Eine Fläche, fast so groß wie die gesamte EU. 2022 und 2023 folgten neue historische Tiefststände.
Dabei sagen Klimamodelle eigentlich einen langsamen, langfristigen Rückgang des Meereises voraus.“
Ein Blick auf die aktuellen Daten (NSIDC) der Dezember bis 2025:

Wir sehen da wirklich den Rückgang bei 2016. Allerdings verschweigt die Meldung, dass es um 2007 einen auch bisher nicht geklärten Anstieg um 1 Mio km² gegenüber der Zeit vorher gab. Der Langzeittrend ab 1990 ist nicht signifikant negativ.
Es wirken da offensichtlich so viele andere Dinge außer der einfachen Thermodynamik. Wie genau ist jedoch sehr komplex. Wer mal so mit 2,3 Gleichungen um sich wirft und meint als großer Zampano damit die (Klima)Welt erklären zu wollen, der führt nur in die Irre. Bleiben Sie also weiter gespannt, was unser Klimasystem noch so alles an Überraschungen im Köcher hat.