Die Kälte, der Schnee und Mojib Latifs Prognose Anfang Dezember 2023

Das war eine meteorologische Woche! Es wurde teils bitterkalt in Deutschland und zu allem Überfluss ereignete sich am ersten Wochenende des Dezembers vor allem im Süden Deutschlands ein intensiver Schneefall. Die Meldungen schossen ins Kraut, ein Bundesligaspiel am 2.12. 23 in München fiel zum Opfer, vielfach ging verkehrstechnisch gar nichts mehr. Reflexartig wurde die Prognose von Mojib Latif aus dem Jahre 2000 hervorgekramt. Dort wurde er zitiert mit diesen Worten: 

„Winter mit starkem Frost und viel Schnee wie noch vor zwanzig Jahren wird es in unseren Breiten nicht mehr geben…Durch den Einfluss des Menschen werden die Temperaturen bei uns mit einer Wahrscheinlichkeit von 95 Prozent noch weiter steigen“, meint Latif. Wegen dieses so genannten Treibhauseffekts wird es in Mittel- und Nordeuropa künftig mehr Westwindlagen geben. Das hätte wiederum regenreiche und noch mildere Winter zur Folge…. Deutschland wird verstärkt unter dem Einfluss von Island-Tiefs stehen, im Mittelmeerraum werden sich dagegen Azorenhochs verstärkt auswirken.“  

Eine völlige Fehlprognose, zumal sie Latif ohne jeden Zeitbezug tätigte vor 23 Jahren. Später (in 2012, überlegte er 12 Jahre lang woran es lag?) äußerte er, dass er falsch zitiert wurde:  

„Ich habe das damals so nicht gesagt. Insofern gehe ich mit der Kritik gelassen um. Der Spiegel hat mich damals falsch zitiert. Meine Prognose bezog sich nicht auf das Jahr 2010, sondern auf die Zeitspanne zwischen 2050 und 2100 sowie auf den Fall, dass keine Maßnahmen zum Klimaschutz ergriffen werden.“.  

Wir wollen das Puzzle um die Winterwitterung und die Widersprüche des Mojib Latif versuchen aufzuklären. Wovon hängt die Winterwitterung hierzulande stark ab? Da fällt immer wieder ein Wort: Die „Nordatlantische Oszillation“, kurz NAO. Sie beschreibt die Druckverhältnisse westlich von uns auf dem Atlantik. Da herrschen sehr oft zwei Druckkonstellationen: Das Azorenhoch südwestlich von uns und das Islandtief, nordwestlich. Sind sie so verteilt, spricht man von positiver NAO oder NAO+: 

Abb.1: Druckverteilung bei NAO+ im Winter. Nach Mitteleuropa gelangen warme Winde atlantischen Ursprungs. Wir erleben das „Winter Schmuddelwetter“ mit recht hohen Temperaturen und viel Regen. Quelle: Dieter Kasang, bildungsserver.de  

Die Konstellation kann sich auch umkehren, dann spricht man von negativer NAO oder NAO- . Das Tief ist dann im Süden und das Hoch im Norden. Dann schaufeln die Drucksysteme nicht die milde Meeresluft zu uns, sondern genau umgekehrt: es wird kalte Festlandsluft aus Nordost von Skandinavien her oder direkt aus Ost zu uns transportiert. Diese Luftmassen sind viel kälter als die Erwärmung bei uns im Winter war seit ca. 1980. Es wird kalt, die „berühmte Russenpeitsche“. Ein Blick auf den aktuellen NAO-Index verrät es:  

Abb. 2: Zeitlicher Verlauf des NAO-Index ab Mitte August (schwarz) mit Vorhersagen (rot). Quelle 

Genau um den 25.11. herum wurde er negativ und kündigte damit den Wintereinbruch bei uns an. Es war also nicht überraschend, dass es so kam. Alle zweifellos vorhandene Erwärmung in Deutschland seit 1980:  

Abb.3 Mittlere Temperaturen im Winter in Deutschland mit einer 15-jährigen Glättung, Daten: DWD 

Von ca. 0°C auf +3°C im Mittel ist recht machtlos, wenn da -15°C kalte Luftmassen im Anmarsch sind wie um den 1. Dezember 2023 herum. Immer wenn die Wintertemperaturen markant nach unten ausschlugen (wie 1985, 1996 und um 2010) hielt die NAO- Lage über längere Passagen des Winters, auch das kommt also ab und zu vor. Wie stark die NAO unsere Wintertemperaturen beeinflusst geht aus dieser Korrelation hervor:  

Abb.4: Die Korrelation der Winter NAO mit den Temperaturen in Europa. Quelle 

Bis zu den den britischen Inseln im Westen und bis an die Alpen heran im Süden reicht die Einflusssphäre. Was dann als Niederschlag kommt, fällt als Schnee, wenn die NAO negativ ist. Es handelt sich um eine sehr mächtige natürliche Variabilität unserer Winter. Kommen wir auf Mojib Latif zurück. Er forschte sehr lange an dem Phänomen NAO und vertrat bei Licht besehen mit seinen Sätzen in 2000 eine interessante These. Nochmals die entscheidende Passage aus dem „Spiegel“ Interview aus 2000: 

„Wegen dieses so genannten Treibhauseffekts wird es in Mittel- und Nordeuropa künftig mehr Westwindlagen geben. Das hätte wiederum regenreiche und noch mildere Winter zur Folge…. Deutschland wird verstärkt unter dem Einfluss von Island-Tiefs stehen, im Mittelmeerraum werden sich dagegen Azorenhochs verstärkt auswirken.“ 

Mit den Erkenntnissen bezüglich der NAO heißt das, dass er in 2000 der Meinung war, nicht nur die Winter selbst würden wärmer (das war korrekt), sondern die Strömungsverhältnisse für Mitteleuropa würden sich ändern und die Winter- NAO selbst würde sich durch den anthropogenen Antrieb hin zu immer mehr NAO+ entwickeln und die NAO- Lage würde „aussterben“. Ist dem so?  

Abb. 5: Die Winter NAO seitdem sie festgestellt wird. Quelle Da sie auf zwei simple Luftdruckmessungen bei Portugal und auf Island zurückzuführen ist, gibt es verlässliche Daten schon sehr lange.  

Nein, das war falsch, die Winter- NAO ist schon immer deutlich öfter positiv als negativ (gottlob für unsere milderen Winter noch in Ozeannähe) und einen signifikanten Trend erkennt man beim besten Willen nicht. Vor 2000 mag das zwischenzeitlich anders gewesen sein, nach 1980 gab es eine längere deutlich positivere Phase. Um 2010 war es jedoch spätestens klar, dass es auch mit Klimaerwärmung zu negativen Episoden kommen wird, da die NAO damals so negativ wurde, wie bisher noch nie beobachtet seit 1800. Latif selbst erkannte dies vor 2008 und schrieb sich selbst korrigierend in einer Arbeit:  

„Thus, multi-decadal NAO changes similar to those observed during the instrumental record, including the recent increase in 1965–1995, may be internally generated within the coupled atmosphere-ocean system without considering external forcing.“  

Die NAO wird nicht durch äußere Antriebe wie die Klimaerwärmung beeinflusst, sie ist innerhalb des Systems generiert. Sie wird sich wohl auch bis nach 2050 nicht ändern.   

Was kann sich der Leser mitnehmen: 

  1. Auch unsere Winter werden durch den Klimawandel tendenziell wärmer. 
  1. Durch den Einfluss der NAO wird es immer wieder kalte Phasen geben auch mit viel Schnee. 
  1. Der Klimaforscher Mojib Latif äußerte in seinem „berühmten“ Interview 2010 im Spiegel einen (inzwischen überholten) Zwischenstand seiner Erkenntnisse zur Winter-NAO und benutzte nicht einmal den Konjunktiv. Das ist leider nicht unüblich für diesen Forschungszweig. Knallige Aussagen in der Öffentlichkeit beruhen zu oft auf „Arbeitshypothesen“, mit viel zu großer Sicherheit vehement vorgetragen.  

Warum Latif das nicht in der Folge stringent erklärte und den Fehler öffentlich korrigierte, bleibt sein Geheimnis. Er hätte sich die Nachfragen bei jedem kalten Winterwetter ersparen können. Eine weitere Chance zur Transparenz in der Klimawissenschaft verstrich ungenutzt.    

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